Kultur

Musik für die eigene Familie

Chefdirigent Iván Fischer stellt sich als Komponist vor. Ein Gespräch über Goethe, die Schoah und jiddische Lieder

Iván Fischer (65), Chef des Konzerthausorchesters, gehört zu den wenigen Dirigenten, die sich vor allem auch als Komponist verstehen. An diesem Wochenende präsentiert der Ungar in zwei Kammerkonzerten neun seiner Werke. Er bezeichnet es als einen Querschnitt seines Schaffens. Es spielen Musiker des Konzerthausorchesters und des Budapest Festival Orchesters. Es singt Iván Fischers Tochter Nora. Überhaupt steckt viel Familiäres in seiner Musik, wie sich im Gespräch herausstellt.

Was ist typisch für den Komponisten Iván Fischer?

Iván Fischer: Als ich mit dem Komponieren anfing, kam das Gefühl: Das bin ich.

Als Komponist sind Sie schon stark vom Wort geprägt?

Ja, das Vokale, das Bühnenhafte, das Textbezogene ist mir wichtig. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass für mich Musik zuerst ein Kommunikationsmittel ist. Man hat einen Text, will etwas sagen und drückt es mit Musik aus. Der Text ist als Grundlage schon wichtig.

In Ihrer Deutsch-Jiddischen Kantate, die jetzt aufgeführt wird, kombinieren Sie die deutsche Hochkultursprache Goethes mit einem jiddischen Volkslied, also der Umgangssprache der osteuropäischen Juden. Wie sind Sie als gebürtiger Ungar auf diese Idee gekommen?

Das hat zunächst einen kompositionstechnischen Grund. Ich drücke mich am liebsten in einer Art Collagentechnik aus. Die Idee kann man besten anhand der Installationskunst erklären. Man hat einen Rahmen, in den bestimmte Dinge gesetzt werden. Nehmen wir einen Schlüssel, etwas Gemaltes und ein Blatt. In der Musik interessiert es mich, wie verschiedene Stile oder Sprachen nebeneinander funktionieren. In der Deutsch-Jiddischen Kantate knallen zwei Sprachen und Stile aufeinander. In fast allen meinen Musikwerken gibt es dieses Nebeneinander.

Andere nennen das Collage-Prinzip lieber Eklektizismus, und in der klassischen Musik wird es als bunte Mischung eher belächelt?

Aber das Eklektische ist das Modernste überhaupt. Das ist unsere Musiksprache heute. Sie hören von morgens bis abends ganz verschiedene Musikstile. Monteverdi, Heavy Metal, Bruckner und Pop oder Mozart im Fahrstuhl. Ob man es will oder nicht, das ist unsere Musiksprache. Ich möchte sie in meiner Musik zulassen.

Die Mehrheit der Menschen hört im Alltag aber keine jiddischen Volkslieder?

Ich glaube nicht, dass das Jiddische verloren gegangen ist. Wer ein jiddisches Lied hört, erkennt es irgendwie. Wenn wir in ein Taxi einsteigen und das Autoradio ist an, dann hören wir doch auch sofort, in welchem kulturellen Umfeld und Stil wir uns bewegen. Ohne, dass wir das Stück konkret kennen müssen.

Kommen wir zu Ungarn und Goethe zurück.

Ich hatte einen Onkel, der in unserer Familie sehr berühmt war. Karoly Baracs lebte bis Ende der 20er-Jahre und wir besuchten sein Grab regelmäßig. Auf seinem Grabstein war ein Gedicht von Goethe eingraviert. Ein deutsches Gedicht auf dem Jüdischen Friedhof in Budapest? Mein Onkel war ein Goetheforscher. Ich bin in einer assimilierten jüdischen Familie aufgewachsen. In unserer Bücherwand stand eine Goethe-Büste. Goethe, Beethoven, Wagner – meine ganze Familie war in Wagner vernarrt.

In den Texten Ihrer Kompositionen geht es auch um Flucht, um die Schoah. Was gibt es in Ihrer Familie zu verarbeiten?

Es ist schon lange verarbeitet. Es ist doch lange her. Aber ich erinnere mich an meine Kindheit, wo ich das Deutsche mit einer wunderbaren Kultur und zugleich mit etwas Schrecklichem verbunden habe. Diese Doppelgesichtigkeit war für mich nur schwer zu verstehen.

Sind in Ihrer Familie viele Mitglieder umgebracht worden?

Meine Großmutter ist in Auschwitz gestorben, mein Großvater in Buchenwald. Es gibt noch einige Familienmitglieder mütterlicherseits, die umgekommen sind. Die Familie meines Vaters hat sich besser verstecken können.

In Ungarn geben Sie Konzerte in verlassenen, aufgegebenen Synagogen. Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Dass die Gebäude noch da sind. Sie haben verschiedene Funktionen: Ruine, Buchladen, in einer anderen ist eine Ausstellung, manchmal begegne ich einer ganz kleinen Gemeinde, die die Synagoge noch benutzt. Die Menschen in den Dörfern laufen um die Gebäude herum, gehen aber eigentlich nie hinein. Jetzt laden wir sie zum Konzert ein und ein Rabbiner erklärt, wie das Leben damals war. Es ist eine langsame Aufklärungsarbeit.

Verspüren Sie vor Ort mehr Aufgeschlossenheit oder Ablehnung?

Ich treffe nur auf aufgeschlossene, neugierige, positive Menschen.

Das Modell des dirigierenden Komponisten ist heutzutage eine Rarität.

Das stimmt, das Schreiben ist mehr eine Sommerbeschäftigung.

Wie viel Komponist und wie viel Dirigent steckt in Ihnen drin?

Das ist ein Widerspruch. Ich verbringe 95 Prozent meiner Zeit mit Dirigieren und ganz wenig mit Komponieren. Aber wenn ich etwas schreiben und vollenden kann, ist es mir ungleich wichtiger. 90 Prozent meines Interesses liegt im Komponieren. Aber ich bin vielleicht kein typischer Dirigent. Die Dirigentenkarriere interessiert mich schon lange nicht mehr. Ich hoffe, dass ich dagegen noch einiges komponieren kann.

Sie schreiben überwiegend Kammermusik. Planen Sie eine Oper oder eine Sinfonie?

Bühnenwerke interessieren mich schon, aber nicht in der Operntradition mit großem Orchester und vielen Sängern. Mich interessiert eher das Musiktheater im Sinne Brechts, mit einfachen Songs und kleineren Besetzungen. Ich favorisiere die direktere, provozierende Art. Schade, dass diese Form nach dem 2. Weltkrieg nicht weiter geblüht hat.

Und was ist mit Sinfonik, immerhin leiten Sie ein großes Sinfonieorchester?

Sinfonik interessiert mich als Komponist überhaupt nicht.

Gibt es Momente, in denen der Komponist mit dem Dirigenten hadert?

Nein, aber seitdem ich komponiere, verstehe ich die dirigierenden Komponisten umso besser. Gustav Mahler war ganzjährig ein Operndirigent und hat nie eine Oper geschrieben. Das ist doch merkwürdig. Er war mit Oper überdosiert. Allerdings sind seine Symphonien hochtheatralisch. Daran merkt man seine Opernerfahrung. In Leonard Bernsteins Broadway-Musicals hört man seine große Erfahrung als Orchesterdirigent. Bei mir ist es vielleicht auch so, dass meine täglichen Erfahrungen mit den Orchesterinstrumenten in meine Kammermusik einfließen.

Konzerthaus (Werner-Otto-Saal), Mitte. Tel. 203092101. Am 25./26.6., jeweils um 18 Uhr