Kultur

Der künftige Chefdirigent probt sich warm

Vladimir Jurowski am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters

Vielleicht wird bald Vladimir Jurowski, der designierte Chef des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, unter den Berliner Dirigenten der neue Rattle. Nicht dem Amt nach, das wird bei den Berliner Philharmonikern bekanntlich der introvertierte, detailversessene Kirill Petrenko übernehmen. Nein, es ist neben seiner stilistischen Vielseitigkeit die Gewandtheit im Umgang mit Publikum, die den Moskauer Jurowski zu einem sehr Berlinischen Dirigenten macht.

Im Großen Sendesaal des RBB, wo Jurowski ein exklusives Konzert für Abonnenten gibt, greift er zum Mikrophon. Der schlanke Mann mit schulterlangem Haar spricht fließend, akzentfrei und pointensicher über Gustav Mahlers Sinfonische Dichtung „Todtenfeier“ von 1888. Dass sie wenig später zum ersten Satz der gigantischen „Auferstehungssinfonie“ wurde, ist eine bekannte Fußnote der Musikgeschichte. Doch Jurowski spricht auch über Unterschiede in der Instrumentierung, über literarische Vorlagen. Ein freier, begeisternder und gelehrter Kurzvortrag, nie populistisch erklärbärig, sachorientiert und zugewandt. Allein das ist ein Meisterstück.

Meisterlich ist auch der Beginn der Mahler-Interpretation. Das RSB zeigt seinen ganz speziellen Klang, der Staatskapelle Dresden verwandt in Dunkelheit und Präsenz. Jurowski dirigiert Mahlers Klage, ihre süßen, melodischen Kontrapunkte, streng, wie einen Beethoven.

Dieser Abend im RBB-Sendesaal ist ein Work-in-Progress, die „Todtenfeier“ und Strauss’ „Zarathustra“ sollen auf eine CD und sind vermutlich noch nicht ganz zu Ende geprobt. Das hört man interessanterweise an jenen Stellen des Mahler-Stücks, die sich von dem ersten Satz der Sinfonie unterscheiden. Mahlers Choral-Paraphrasen, in denen der Komponist bereits, völlig rätselhaft, auf das 1888 noch nicht in Ansätzen konzipierte Chorfinale seiner Auferstehungssinfonie verweist, sitzen beim RSB perfekt und klangschön. Es ist jedoch insbesondere der Übergang zur trotzigen Reprise, bei dem das 28-jährige Genie Mahler über viele Takte richtungs- und formlos in Rezitativen herumeiert. Und das Orchester eiert mit, ist sich mit seinem Dirigenten über die Tempi noch nicht ganz einig.

Strauss’ „Zarathustra“ im zweiten Teil dieses knappen Konzerts ist ein schweres, aber bekannteres Stück und wird vom RSB mit allen Schikanen gemeistert. Zweifellos eine hervorragende Idee des Dirigenten, dieses Riesenwerk erstmals auf eine moderne Super Audio Compact Disc aufzunehmen. Strauss erfand für seine Nietzsche-Adaption ein so vielgliedriges Stimmgeflecht, dass tatsächlich nur moderne Technik jede einzelne bewusst wahrnehmbar machen kann. Das meiste aber trägt das RSB mit seinem kühlen Kopf Jurowski zu dieser Verdeutlichung bei.