Kultur

Der kumpelhafte Boss

68.000 begeisterte Fans erleben im Olympiastadion einen großartigen Auftritt von Bruce Springsteen

Er ist ein raubeiniger Troubadour mit großem Herzen. Ein Rock-’n’-Roller, der mit seiner Musik die Welt ein klein bisschen besser machen will. Bruce Springsteen ist ein Geschichtenerzähler, der sich eine Gitarre umhängt und ordentlich Rabatz macht, um seine Botschaft an die Fans zu bringen. Dazu braucht er keine große Show. Nur eine große Bühne. Das Olympiastadion ist am Sonntagabend mit 68.000 Besuchern nahezu ausverkauft, als Spring­steen und seine E-Street Band kurz nach 19 Uhr ins Rampenlicht treten. Sie werden es für die nächsten gut dreieinhalb Stunden nicht mehr verlassen.

In seinen Liedern singt er von Menschen mit Sehnsucht im Herzen und Dreck unter den Fingernägeln, von kleinen Leuten mit großen Hoffnungen, die verfliegen, mit Wünschen, die das harte Leben partout nicht erfüllen will. Geschichten von Heuschrecken und Halsabschneidern und von Typen, die ihre Siebensachen packen, einfach losziehen und das Glück versuchen. Oder von Vätern und Söhnen. Wie in „Adam Raised A Cain“. Er hat dieses Stück vom 1978er-Album „Darkness On The Edge Of Town“ an den Anfang seines Berlin-Gastspiels seiner „The River“-Tour gestellt.

Und er macht ordentlich Lärm, schabt rabiat über die Saiten seiner alten Fender. Das Stück kommt stampfend und bedrohlich daher. Die Band treibt es mächtig an. Über die ganze Bühnenbreite erstreckt sich ein LED-Bildschirm, der in brillanten Bildern immer wieder zeigt, was auf der Bühne geschieht. Großes Kino. Wirklich etwas sehen von den leibhaftigen Musikern können nur die wenigsten im Stadion.

Der Sound ist krachend laut und für Stadionverhältnisse brillant. Vom Licht ist nicht viel zu ahnen. Es ist ja noch hell. Und von Anfang an steht Springsteen unter Hochspannung. „Badlands“ gibt’s gleich als zweites Stück. Immer wieder steigt er von der Bühne, geht ganz nah ran ans Publikum. Die Kameramänner sind immer dabei und zeigen oben, wie der „Boss“ unten Hände schüttelt.

Bruce Springsteen redet wenig in diesem Konzert

Er redet wenig. „Hallo Berlin“ ruft er zu Beginn. Und „Fantastisch!“ Ansonsten beschränkt sich sein Wortschatz auf das legendäre Anzählen der Songs. Hier wird hart gearbeitet. „One, Two, Three, Four…“ und weiter geht es mit „Out In The Street“ vom 1980 erschienenen Album „The River”. Das Doppelalbum, das im vergangenen Jahr zum 35. Jubiläum als opulentes Box-Set neu erschienen ist, war der eigentliche Anlass für diese Tournee. Und anfangs führten Springsteen und die E-Street Band auch tatsächlich alle Songs der Platte auf. Das wurde ihnen aber auf Dauer wohl doch zu langweilig. In Berlin gibt es neben „Out In The Street“ und natürlich „The River“ nur noch drei Songs daraus. Ohnehin ist bei der E-Street-Band kein Konzert wie das andere. Was zählt ist die Musik, die Energie, mit der sich ein Rockkonzert entladen kann. Und was da auf der Bühne geschieht, ist wirklich elektrisierend.

Der Mann ist inzwischen 66 Jahre alt, und auch die meisten seiner Mitstreiter haben die 60er-Marke längst überschritten. Doch das alte Feuer brennt. Und zündet bis in die obersten Ränge. Das Publikum ist quer durch die Jahrgänge bunt gemischt und euphorisiert von der Wucht und Wärme, die da von der Bühne wogt. Und es wird kräftig mitgesungen, egal ob bei Oldies wie „It‘s Hard To Be A Saint In The City“ oder bei neueren Stücken wie „My Lucky Day“ oder „Wrecking Ball“. Hier gibt es keine Zeit für Pausen. „One, Two, Three…“ und schon geht es weiter. Bei der Ballade „My Hometown“ singt er dem Publikum immer wieder „Your Town“ entgegen.

Springsteen ist permanent auf Achse. Bei „Waitin‘ On A Sunny Day“ holt er einen kleinen Jungen auf die Bühne, der den Refrain mitsingt und den er stolz auf die Schultern nimmt. Und bei „Dancing In The Dark“, später im Zugabenteil, tanzt er mit einer jungen Frau aus dem Publikum und lässt sie Gitarre spielen. Wie Springsteen diesen Abend mit durchtrainierter Würde und messianischer Kumpelhaftigkeit stemmt, ist bewundernswert. Dieses Konzert ist ein einziges, großes Fest. Doch immer wieder schlägt der „Boss“ auch ernstere Töne an. Wie mit „American Skin (41 Shots)“, in dem es um den 1999 in New York von Polizisten erschossenen Amadou Diallo geht. 41 Schüsse hatten sie abgegeben. 19 hatten getroffen. Mit seiner Anklage hatte sich Springsteen im republikanischen Amerika keine Freunde gemacht.

„Land of Hope And Dreams“ vom 2012er-Album „Wrecking Ball” ist das triumphale Finale. Ein treibender Gospel-Song von einem Land voller Hoffnung und Träume, in dem alle Menschen gleich sind und der noch einmal Springsteens Wurzeln in der Americana-Liederwelt von Hank Williams bis Woody Guthrie manifestiert. Das Olympiastadion droht abzuheben unter dem donnernden Jubel.

Dann folgen eine ganze Ladung Zugaben, darunter Hits wie das allzu gern falsch verstandene „Born In The U.S.A.“ und das freiheitsliebende „Born To Run“. „Tenth Avenue Freeze Out“ vom 1975er-Durchbruchsalbum „Born To Run“ erzählt von den Anfängen der E-Street Band. Mit der Coverversion von Moon Mullicans 50er-Jahre-Hit „Seven Nights To Rock“ lässt er noch einmal den schwitzenden Rock-’n’-Roller heraushängen, und bei „Shout“ von den Isley Brothers wird das Olympiastadion endgültig zur Partylocation.

Ganz allein kehrt Springsteen zu einer allerletzten Zugabe zurück. Er singt nur mit Gitarre die große Ballade „Thunder Road“. Und umarmt sein Publikum noch einmal mit einem Song. Ein atemberaubendes Konzert. Der Applaus ist gewaltig.