Kultur

Sammler Egidio Marzona gibt Archiv nach Dresden

Verlust für Berlin: Eine prominente Sammlung wird zerrissen und geht der Stadt verloren

Am frühen Nachmittag trudelt die Pressemeldung aus Dresden ein: Der Berliner Sammler Egidio Marzona schenkt sein „Archiv der Avantgarden“ den Staatlichen Kunstsammlungen an der Elbe. Das Archiv umfasst 1,5 Millionen Objekte, dazu gehören Manifeste, Flyer, Skizzen, Plakate, Kataloge. Gesammelt hat der Wahlberliner, Jahrgang 1944, seit den 60er-Jahren.

Überraschend ist, dass Dresden, bekannt für Alte Meister und Barock, nun mit Moderne aufrüstet – alarmierend, dass Marzona diesen Bestand überhaupt weggibt. Kein guter Tag für Berlin, weil eine prominente Sammlungseinheit damit für die Hauptstadt verloren geht und zerrissen wird. Kunstsammlung und Archiv („ein expandierender Kosmos“) gehören eindeutig zusammen, allein der Forschung wegen, auch wenn Archivalien nicht immer die populärsten Ausstellungsobjekte sind.

Marzona gehört neben Mick Flick, Ulla und Heiner Pietzsch und Erich Marx zu den bedeutenden Berliner Sammlern, deren Kollektionen die Bestände der Moderne in Berlin maßgeblich ergänzen. Seine Werke der Konzeptkunst aus den 60er- und 70er-Jahren gehören in die Bestände von Nationalgalerie, Kunstbibliothek und Kupferstichkabinett. 372 Werke hat der Deutsch-Italiener bereits 2002 an die Berliner Museen verkauft, 2014 kamen noch einmal 372 Objekte der Arte Povera, Concept Art und Minimal Art als Schenkung dazu. Dieser Bestand soll einmal im neuen Museum der Moderne am Kulturforum sein Domizil finden. Vielleicht fühlt er sich dort jetzt schon unterpräsentiert, wer weiß. Vereinbarungen zwischen Privatsammlern und Museen sind nicht öffentlich. Dass sein gigantisches, ständig wachsendes Archiv nun nach Dresden geht, sei „einvernehmlich“ besprochen, versichert Stiftungspräsident Hermann Parzinger. Es gibt ja auch einvernehmliche Scheidungen. Klingt merkwürdig. Mit der designierten Dresdner Museumschefin Marion Ackermann wolle man „gemeinsame Erschließungsstrategien“ entwickeln. Bei den Staatlichen Museen ist man bemüht, dass dieser Abgang weder als Zerwürfnis mit dem Sammler noch als Misstrauensvotums gegen die Stiftung interpretiert wird. Großsammler wie Marzona haben eigene Interessen. Er möchte, dass seine Werke bestmöglich ausgestellt werden. Berlins Museen mit ihren knappen Etats hingegen haben chronische Platznot und ihre eigenen Konzepte. Da passen beider Vorstellungen oft nicht zusammen.

Offenbar aber hatte man in Berlin gar kein Konzept für Marzonas großes Archiv. Überrascht sei man von der Entscheidung am Anfang schon gewesen, aber eine „schnelle Lösung“ gab es in diesem Fall nicht. „Der Neubau ist kein
Archivbau“, sagt Parzinger. Kurz: Die Unterbringung im Museum der Moderne war dafür nie angedacht. Offenbar konnte Dresden den Wahlberliner mit einem verlockenden Angebot an die Elbe ziehen.

Details zur Unterbringung und Präsentation des Archivs werden am morgigen Mittwoch in Dresden bekannt gegeben, und sicher wird Mäzen Marzona dann seine Sicht auf den Dresden-Deal schildern. Dresden wird dieses Archiv nun zuerst aufarbeiten und anschließend erforschen. Platz und personelle Kapazitäten gibt es dort, in Berlin dagegen nicht.