Bruce Springsteen

So brachte The Boss das Olympiastadion zum Beben

Bruce Springsteen und seine E-Street-Band haben im Olympiastadion vor 68.000 Menschen mit einer dreieinhalbstündigen Show begeistert.

Bruce Springsteen gestern Abend im Olympiastadion

Bruce Springsteen gestern Abend im Olympiastadion

Foto: Paul Zinken / dpa

Er ist ein raubeiniger Troubadour mit großen Herzen. Ein Rock-’n’-Roller, der mit seiner Musik die Welt ein klein bisschen besser machen will. Bruce Springsteen ist ein Geschichtenerzähler, der sich eine Gitarre umhängt und ordentlich Rabatz macht, um seine Botschaft an die Fans zu bringen. Und dazu braucht er keine große Show. Aber eine große Bühne. Das Olympiastadion ist am Sonntagabend nahezu ausverkauft, als Bruce Springsteen und seine E-Street Band kurz nach 19 Uhr unter Jubelgetöse ins Rampenlicht treten. Sie werden sie für die nächsten gut dreieinhalb Stunden nicht mehr verlassen.

In seinen Liedern singt er von Menschen mit Sehnsucht im Herzen und Dreck unter den Fingernägeln, von kleinen Leuten mit großen Hoffnungen, die verfliegen, mit Wünschen, die das harte Leben partout nicht erfüllen will. Geschichten Heuschrecken und Halsabschneidern und von Typen, die ihre Siebensachen packen, einfach losziehen und das Glück versuchen. Oder von Vätern und Söhnen. Wie in „Adam Raised A Cain“. Er hat dieses Stück vom 1978er-Album „Darkness On The Edge Of Town“ nun an den Anfang seines Berlin-Gastspiels seiner „The River“-Tour gestellt.

Wirkliche sehen können nur wenige

Er macht ordentlich Lärm. Er schabt rabiat über die Saiten seiner alten Fender. „Adam Raised A Cain“ kommt stampfend und bedrohlich daher. Die großartige Band treibt das grüblerische Stück mächtig an. Die gewaltige Guckkastenbühne wird von zwei großen Bildwänden flankiert und auch über die ganze Bühnenbreite erstreckt sich im Hintergrund ein LED-Bildschirm, der in brillanten Bildern immer wieder zeigt, was auf der Bühne geschieht. Großes Kino. Denn wirklich etwas sehen von den leibhaftigen Musikern können nur die wenigsten in diesem Stadion.

Der Sound ist krachend laut und für Stadionverhältnisse brillant. Vom Licht ist nicht viel zu ahnen. Es ist ja noch hell. Und von Anfang an steht Springsteen unter Hochspannung. „Badlands“ gibt’s gleich als zweites Stück. Immer wieder steigt er von der Bühne, geht ganz nah ran ans Publikum. Treppen und ein Laufsteg sind der Bühne vorgelagert. Und die Kameramänner sind immer dabei und zeigen oben, wie der „Boss“ unten Hände schüttelt.

Er redet wenig. „Hallo Berlin“ ruft er zu Beginn. Und „Fantastisch!“ Ansonsten beschränkt sich sein Wortschatz diesmal auf das legendäre Anzählen der Songs. Hier wird hart gearbeitet. „One, Two, Three, Four…“ und weiter geht es mit „Out In The Street“ vom 1980 erschienenen Album „The River”. Das Doppelalbum, das im vergangenen Jahr zum 35. Jubiläum als opulentes Box-Set neu erschienen ist, war der eigentlich Anlass für diese Tournee. Und anfangs führten Springsteen und die E Street Band auch tatsächlich alle Songs der Platte auf.

Songfolge gelockert

Das wurde ihnen aber auf Dauer wohl doch zu langweilig. Deshalb haben sie für ihre Europa-Konzerte die Songfolge etwas gelockert. In Berlin gibt es neben „Out In The Street“ mit „Hungry Heart“, „Sherry Darling“, „You Can Look (But You Better Not Touch)” und natürlich „The River” immerhin fünf Songs daraus. Ohnehin ist bei der E-Street-Band kein Konzert wie das andere. Ständig werden Songs ausgetauscht und auch Publikumswünsche werden erfüllt. Was zählt ist die Musik. Und die Energie, mit der sich ein Rockkonzert entladen kann. Und was da auf der Bühne geschieht, ist wirklich elektrisierend.

Der Mann ist inzwischen 66 Jahre alt und auch die meisten seiner Mitstreiter haben die 60er-Marke längst überschritten. Doch das alte Feuer brennt. Und zündet bis in die obersten Ränge. Das Publikum ist quer durch die Jahrgänge bunt gemischt und euphorisiert von der Wucht und Wärme, die da von der Bühne wogt. Und es wird kräftig mitgesungen, egal ob bei Oldies wie „It‘s Hard To Be A Saint In The City“ oder dem schwer gospellastigen „Spirit In The Night“, beide vom 73er-Debüt-Album „Greetings From Asbury Park“, oder bei neueren Stücken wie „My Lucky Day“ oder „Wrecking Ball“. Hier bleibt keine Zeit für Pausen. „One, Two, three…“ und schon geht es weiter. Bei der Ballade „My Hometown“ singt er dem Publikum immer wieder „Your Town“ entgegen.

Zur E-Street-Band zählen die alten Haudegen der ersten Stunde. Die Gitarristen Steve Van Zandt und Nils Lofgren sind dabei, Pianist Roy Bittan, Bassist Garry Tallent und Schlagzeuger Max Weinberg. Dazu kommen seit vielen Jahren Springsteen-Ehefrau Patti Scialfa an Gitarre und Gesang und die Geigerin Soozie Tyrell. 2008 erlag E-Street-Band-Keyboarder Danny Federici einem Krebsleiden. Und der langjährige Saxofonist Clarence „The Big Man“ Clemons starb drei Jahre später an den Folgen eines Schlaganfalls. Nun komplettieren Keyboarder Charlie Giordano und Saxofonist Jake Clemons, Neffe des großen Clarence, die E-Street-Band.

Messianische Kumpelhaftigkeit

Springsteen ist immer auf Achse. Bei „Waitin‘ On A Sunny Day“ holt er einen kleinen Jungen auf die Bühne, der den Refrain mitsingt und den er stolz auf die Schulter nimmt. Und bei „Dancing In The Dark“, später im Zugabenteil, tanzt er mit einer jungen Frau aus dem Publikum und lässt sie Gitarre spielen. Wie Springsteen diesen Abend mit durchtrainierter Würde und messianischer Kumpelhaftigkeit stemmt, ist bewundernswert.

Dieses Konzert ist ein einziges, großes Fest. Doch immer wieder schlägt der „Boss“ auch erstere Töne an. Wie mit „American Skin (41 Shots)“, in dem es um den 1999 in New York von vier Polizisten erschossenen Amadou Diallo geht. 41 Schüsse hatten sie abgegeben. 19 hatten getroffen. Mit seiner kritischen Anklage hatte sich Springsteen im republikanischen Amerika wenig Freunde gemacht. Aber das ist er ja gewohnt.

„Land of Hope And Dreams“ vom 2012er-Album „Wrecking Ball” ist das triumphale Finale dieses bewegenden Konzerts. Es ist ein treibender Gospel-Song von einem Land voller Hoffnung und Träume, in dem alle Menschen gleich sind und der noch einmal Springsteens Wurzeln in der Americana-Liederwelt von Hank Williams bis Woody Guthrie manifestiert. Das Olympiastadion droht abzuheben unter dem donnernden Jubel, und es dauert nur kurz, bis die Musiker zur Zugabe zurückkehren.

„This is the important part“

Einer ganzen Ladung Zugaben, darunter auch Hits wie das allzu gern falsch verstandene „Born In The U.S.A.“ und das freiheitsliebende „Born To Run“. „10th Avenue Freeze Out“ vom 1975er-Durchbruchsalbum „Born To Run“ erzählt von den Anfängen der E-Street-Band. Und nachdem Springsteen die Zeile „And the big man joined the band“ gesungen hat, ruft er: „This is the important part“. The Big Man, das ist Clarence Clemons. Auf der Bildwand werden Bilder aus dem Musikerleben des großen Saxofonisten gezeigt.

Mit der Coverversion von Moon Mullicans 50er-Jahre-Hit „Seven Nights To Rock“ lässt er noch einmal den schwitzenden Rock-’n‘-Roller heraushängen und bei „Shout“ von den Isley Brothers wird das Olympiastadion endgültig zur Partylocation. Ganz allein kehrt Bruce Springsteen zu einer allerletzten Zugabe zurück. Er singt nur mit seiner Gitarre die wunderschöne Ballade „Thunder Road“. Und umarmt noch einmal sein Publikum mit einem Song. Ein atemberaubendes Konzert. Der Applaus ist gewaltig.