Premiere

Entführung ins Drogenlabor: Der Skandal bleibt aus

Regisseur Rodrigo Garcia, der Mozarts „Die Entführung aus dem Serail“ an der Deutschen Oper zeigt, kommt am Ende nicht auf die Bühne.

Wasser, Träume und Gefummel: In der „Entführung aus dem Serail" geht es um Mann und Frau, um Macht und Unterordnung – und Sex

Wasser, Träume und Gefummel: In der „Entführung aus dem Serail" geht es um Mann und Frau, um Macht und Unterordnung – und Sex

Foto: (C) Thomas Aurin

Über die Entführung wird in einem Filmchen aufgeklärt: Die drei Ahnungslosen sitzen im Tiergarten beim Picknick, ein Ufo kommt und beamt sie weg. In einem Drogenlabor tauchen sie wieder auf. Und um es vorwegzunehmen, Belmontes Befreiungsversuch endet in einer wilden Schießerei. Der eigentliche Premieren-Aufreger bei Mozarts „Einführung aus dem Serail“ ist aber weniger der kindische Wille zum derben Spaß, sondern dass Regisseur Rodrigo Garcia am Ende nicht auf die Bühne der Deutschen Oper kommen will, um sich dem Urteil des Publikums zu stellen. Das gab es, heißt es, noch nie an diesem Opernhaus. Dabei herrschte eine gewisse Hoffnung, den Argentinier, der in Berlin bislang an der Schaubühne inszeniert hat, kräftig ausbuhen zu können. Oder anzugähnen. Aber der Skandal fiel aus. Bei der anschließenden Premierenfeier zeigte sich Garcia, er stand im Foyer etwas unbeholfen herum, und man erfuhr, dass er die hiesige Tradition angeblich nicht kannte. Und sich auch nicht vors Publikum drängen lassen wollte. Sicher ist, er hat die Ansprüche an sein Operndebüt unterschätzt.

Der Zeitgeist will keine biederen Jägerchöre

Zur Tradition gehört, dass die Oper immer von irgendwelchen Klischees und ihren Brechungen lebt. Harald Schmidt lästerte einmal, wenn in einem Provinztheater sechs Asiaten in SS-Uniform in die Kantine kommen, dann steht Webers „Freischütz“ auf dem Programm. Der Zeitgeist will keine biederen Jägerchöre. Wenn auf der großen Opernbühne Darsteller über die Bühne hecheln, Kameras aufgebaut sind und viele Filmchen die Opernhandlung ersetzen, dann weiß man, ein Theaterregisseur darf sich ausprobieren. Garcia, Jahrgang 1964, gilt als Gesellschaftskritiker, als Provokateur, der alles entblättern kann, vor allem Menschen. Viel Nacktheit und Fummelei gehören zu dieser Mozart-Inszenierung, die erst ab 16 Jahren empfohlen wird.

Zweieinhalb Stunden lang ist zu erleben, dass der Regisseur mit Mozarts Musik und der ursprünglichen Opernhandlung hadert. Die Arien werden wie Episoden aneinandergereiht. Die Sprechtexte des Singspiels sind fast gänzlich gestrichen. Was interessant sein kann. Garcia hat sie durch englischsprachige Slang-Dialoge ersetzt. Was völlig uninteressant ist. Erst im Laufe der Vorstellung wird erkennbar, dass Garcia die überschaubare Weisheit eines amerikanischen Cartoons im Kopf hatte.

Road Runner und Willi Kojote sind so etwas wie Katz und Maus oder Wolf und Hase. Es gibt Slapstick, drastische Komik, die sich auf einer Opernbühne nur schwer umsetzen lässt. Das immerhin versucht Garcia. Das ist seine Handschrift. Er betont das ständige Wechselspiel von Jäger und Gejagtem. Es geht um Mann und Frau, um Macht und Unterordnung. Es ist immer sexistisch.

Ein Monster-Truck auf der Bühne

Diese „Entführung“ meidet das Landgut des Bassa Selim in der historischen Türkei, sondern entführt laut Cartoon in die heutigen Canyons des amerikanischen Südwestens. Zu Beginn zeigt ein Film, wie ein Mann und zwei Frauen durch eine wüstenähnliche Gegend rasen und über eine Achterbahn. Dort übergibt sich eine der Frauen aus dem Autofenster, gleich darauf noch einmal. Dann kommt der Monster-Truck auf die Bühne der Deutschen Oper gerollt. Man staunt und ist zugleich ratlos. Laut Opernführer will Belmonte seine geliebte Konstanze aus dem Serail befreien.

Aber wer sind die beiden Frauen im Auto? Es gehört zum Opernhandwerk, dass die Hauptfiguren fürs Publikum erkennbar eingeführt werden. Das ist eine Voraussetzung, um wirre Opernhandlungen zu verstehen und sich auf die Handelnden gefühlsmäßig einzulassen. Diese Tradition scheint Garcia fremd zu sein, Hauptsache viel Theater drumherum.

Das Rätsel der beiden Mitfahrerinnen löst sich bald auf, man wird über die männliche Psyche aufgeklärt. Eigentlich will Belmonte seine Alte zurückholen, aber er will auch die beiden Jungen haben. Ein Filmchen zeigt zwischendurch einen Softporno im Zeitraffer, worin sich die Drei durchs Bett wälzen. Damit auch jedem klar wird, worum es im Leben eigentlich geht. Und alle wollen Drogen.

Über dem Abend liegt viel Zynismus. Innerhalb dieser Dystopie ist das Frauenbild eindeutig. Im Harem-artigen Drogenlabor sammeln sich die Schönen, allesamt nackt oder ziemlich nackt. Zwischendurch gibt es Zuckerwatte oder den weißen Staub, ansonsten paart man sich wie es so kommt. Jeder mit jedem, das Geschlecht ist Nebensache.

Das Merkwürdigste an der Neuinszenierung ist, dass man plötzlich mit Mozarts Musik fremdelt. Dabei ist „Die Entführung aus dem Serail“ ein beliebter Opernklassiker mit vielen Ohrwürmern. Mozarts Türkenoper von 1782 bleibt ein Hohelied auf die junge Liebe und die wieder gewonnene Freiheit. Sie will auch musikalisch im Fremden, im Andersartigen das Großherzige entdecken. Aber was der Regisseur nicht aufspürt, kann auch Donald Runnicles am Pult des Orchesters der Deutschen Oper kaum zuliefern.

Runnicles versucht, es seinen Sängern leicht zu machen

Seine Musiker präsentieren einen wunderbar leichten, klaren Mozartton. Runnicles versucht, es seinen Sängern so leicht wie möglich zu machen. Denn die haben es schwer, sich in dieser Szenerie glaubhaft über die Rampe zu bringen. Und einmal mehr wird hörbar, wie groß die Deutsche Oper ist und welche großen Stimmen man benötigt. Im ansehnlichen Ensemble setzen sich vor allem drei Darsteller auf großartige Weise durch. Tobias Kehrer ist ein Osmin von Weltformat, sein leichtflüssiger Bass gibt dem Laboraufseher viel Spielgeist in die Hand. Die Konstanze von Kathryn Lewek kann ihren Sopran voll schillernder Dramatik einsetzen, es hat etwas Ungeschütztes, ja Überreiztes, gerade auch in den Höhen wird bei ihr das Irrlichternde deutlich. Das passt zur Rolle.

Die Berliner Schauspielerin und Moderatorin Annabelle Mandeng schlüpft in die Hosen des Bassa Selim. Ihre Drogenbaronin ist eine gelungene Überraschung des Abends, weniger weil sie Garcias Gedankenwelt gekonnt rezitiert. Mit ihrer sportlichen Eleganz ist sie die einzige auf der Bühne, die so etwas wie Würde präsentiert. Das ist wohltuend zu sehen. Matthew Newling ist ein spielstarker Belmonte, sein wendiger Tenor ist etwas schneidig. Alle Sänger, der Dirigent und sein Orchester sowie Chor und Statisten sehen sich am Ende bejubelt.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 34384343. Termine: 22., 25., 28. Juni, 1. und 6. Juli