Kultur

Audienz bei einer Legende

Sein Gespür für Melodien ist ungebrochen: Paul McCartney von nahezu 22.000 Fans in der Waldbühne gefeiert

Mit lässiger Eleganz schlendert er auf die Bühne. Ohne große Geste. Ohne protzige Pose. In Jeans und Dinnerjacket. Um 20 Uhr ist er einfach da, schultert seinen Höfner-Bass und der Gitarrist schlägt diesen legendären Auftaktakkord in die Saiten. Mit dem Beatles-Klassiker „A Hard Days Night“ von 1964 beginnt Paul McCartney am Dienstagabend sein Berlin-Konzert. Und in der mit knapp 22.000 Besuchern nahezu ausverkauften Waldbühne bricht ein gewaltiger Jubelsturm los.

Ein magischer Abend. McCartney hat mit den Beatles, mit John Lennon, George Harrison und Ringo Starr, in den Sechzigern den Grundstock gelegt, von dem die heutige Popmusik immer noch zehrt. Die „Fab Four“ haben eine musikalische Revolution angezettelt. Sie haben der Rockmusik eine mutig arrangierte neue Songkultur beigebracht. Später setzte McCartney solo und mit seinen richtungweisenden Wings Maßstäbe. Mehr als 50 Jahre ist der Mann im Geschäft und sein Gespür für Melodien ist ungebrochen.

Er spannt einen Bogen von „In Spite of All The Danger“, dem allerersten Song, den die Beatles, damals noch als The Quarrymen, auf eine Schellack-10-Inch-Schallplatte aufgenommen haben, bis zu „FourFiveSeconds“, das er im vergangenen Jahr gemeinsam mit Rihanna und Kanye West veröffentlicht hat. Er spiele „old songs, new songs and in between songs“, kündigt er an. Satte 38 Stücke finden sich in dieser gut dreistündigen Hitrevue, davon mehr als 20 aus dem Beatles-Fundus. Er spielt sie so, wie man sie kennt, ohne groß etwas zu verändern oder zu aktualisieren. McCartney weiß, was er seinen Fans schuldig ist.

Und er spricht deutsch, auch wenn er den einen oder anderen Satz ablesen muss. „Guten Abend, Berlin, ich freue mich, wieder hier zu sein“, sagt er. Und schiebt ein „Ick freu mir wie Bolle!“ hinterher. Sir Paul, der am Sonnabend 74 Jahre alt wird, war ja schon immer der Beatle, auf den sich die Mütter hysterischer Teenager noch am ehesten als Schwiegersohn einigen konnten. Auch heute steht er mit jugendlicher Frische wie ein Dorian Gray des Pop auf der Bühne und verblüfft mit Witz, Charme und einer offensiven Liebe zur Musik, die ihn selbst im hohen Alter ins Studio und auf Tourneen treibt.

Die samtweiche Stimme ist etwas rauer geworden

Vor sieben Jahren war er zum letzten Mal in Berlin, damals trat er in der einstigen O2 World auf. Seine samtweiche Stimme ist etwas rauer geworden, in den höheren Lagen vielleicht auch mal ein bisschen kratzig. Doch noch immer versteht er seinen Liedern diesen ureigenen Ton zu verleihen, wie nur er es kann. Der Sound ist für Waldbühnenverhältnisse exzellent. Eine bühnenbreite LED-Bildwand und zwei weitere flankierende Leinwände illus­trieren die Songs oder zeigen die Musiker bei der Live-Arbeit. Und das Licht wird mit zunehmender Dämmerung immer imposanter. „Can’t Buy Me Love“ von den Beatles gibt es schon früh am Abend, gefolgt von der bluesrockigen Wings-Nummer „Letting Go“. Selbst die allererste Beatles-Single „Love Me Do“ von 1962 gehört zum Liveprogramm.

Mit Rusty Anderson (Gitarre), Brian Ray (Bass, Gitarre), Paul „Wix“ Wickens (Keyboards) und Abe Laboriel jr. (Schlagzeug) hat er eine langjährig eingespielte Band hinter sich, mit der er inzwischen länger zusammen spielt als mit den Beatles. Die Musiker machen mächtig Druck. Wie beim blues­schwangeren Wings-Stück „Let Me Roll It“, das in einem ausufernden Gitarren-Schlagabtausch als Hommage an Jimi Hendrix’ „Foxy Lady“ mündet.

Geschickt mischt McCartney alte und neue Erfolge. Die Ballade „My Valentine“ von 2012 widmet er seiner dritten Frau Nancy, „Maybe I’m Amazed“ vom ersten Soloalbum nach den Beatles ist eine Hommage an seine erste Frau Linda. Natürlich spielt er auch „Here Today“, diese bewegende Zwiesprache mit John Lennon. Und das George Harrison gewidmete „Some­thing“ spielt er auf der Ukulele.

Natürlich hat jeder im Publikum seinen ganz persönlichen Favoriten, der es dann vielleicht doch nicht in dieses üppige Tour-Repertoire geschafft hat. Aber McCartney fährt Kracher auf wie „The Fool On The Hill“ und „Lady Madonna“, „Eleanor Rigby“ und „Back In The U.S.S.R.“, „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ und „Let It Be“, bei dem sich die Waldbühne in ein Lichtermeer verwandelt. Und klar, auch „Band On The Run“ von den Wings fehlt nicht.

Flammen, Nebel, Feuerwerk bei „Live And Let Die“

Und dann gibt es ja noch einen der besten Songs, der es je zum Titelstück für einen Bond-Film geschafft hat. „Live And Let Die“ wird regelrecht abgefeuert in die laue Frühsommernacht. Flammenwerfer züngeln auf der Bühne, Böller krachen, Nebelwerfer zischen und ein furioses Feuerwerk steigt in den Himmel, bevor es mit „Hey Jude“ ins Finale geht.

McCartney bietet eine unterhaltsame Geschichtsstunde in Sachen Pop. Mit Witz und Würde gibt er den Nachlassverwalter der besten Popband aller Zeiten, stellt aber mit Stücken wie dem elektropoppigen „Temporary Secretary“ von 1980 oder „Queenie Eye“ von 2013 klar, das auch nach den Beatles noch jede Menge passiert ist.

Vor den Zugaben kommen McCartney und die Band mit der Regenbogen-Fahne auf die Bühne. „Wir stehen gemeinsam mit Orlando“, sagt er auf Deutsch. Er eröffnet mit „Yesterday“ allein mit Gitarre den Zugabenteil und setzt mit „Golden Slumbers“, „Carry That Weight“ und „The End“ vom „Abbey Road“-Album den Schlusspunkt unter einen großartigen Abend.