Kultur

Trauer um Musikkritiker Klaus Geitel

Bei den großen Opern- und Konzertkritikern gibt es eigentlich nur zwei Charaktere. Der eine wird gehasst und bewundert, der andere bewundert und geliebt. Klaus Geitel, der 37 Jahre lang für die Berliner Morgenpost als Kritiker unterwegs war, gehörte zur letzteren Gattung. Am Dienstag ist er im Alter von 91 Jahren in seiner Wilmersdorfer Wohnung verstorben.

Der Berliner war buchstäblich aufgewachsen und zu Hause in den Opernhäusern und Konzertsälen der Stadt, er veröffentlichte Bücher über den Komponisten Hans Werner Henze, den Pianisten Friedrich Gulda, über Tanzgrößen wie Rudolf Nurejew oder Maurice Béjart. Er moderierte Konzerte und Fernsehporträts und vermittelte in manch kulturpolitischem Streit. Geitel gehörte noch zu einer Generation von Musikjournalisten, die den fast familiären Umgang mit Künstlern pflegten, die ihm wiederum vertrauten, weil er sich als ein Teil ihres Kultur- und Schöpfungsbetriebs verstand. Wenn man Klaus Geitel zu Hause anrief, konnte es sein, dass gerade ein bedeutender Sänger oder Dirigent mit im Wohnzimmer saß.

Ins großbürgerliche Berlin hinein war Klaus Geitel 1924 geboren worden. Die Geitels waren mit der Berliner Fahnenfabrik zu Wohlstand gekommen. Als Zwölfjähriger besuchte Klaus Geitel das erste Mal die Staatsoper Unter den Linden. Das sollte sein Leben prägen. Bis in die letzten Jahre hinein zeigte er stolz sein allererstes Autogrammbuch – ein Who is who der damaligen Opernstars. Der Schüler trat in der Kroll-Oper noch unter Leitung von Richard Strauss in der „Arabella“ auf. Als Statist natürlich, der sich allerdings als Künstler fühlte. Auch darüber war in seinen Kolumnen und Plaudereien über die Jahrzehnte hinweg viel zu erfahren.

Zum Journalismus war er erst Ende der 50er-Jahre gekommen. Von da ab begleitete er „dienstlich“ die bedeutendsten Musiker, Ensembles und Orchester rund um die Welt. Es gibt Fotos, die ihn auf dem Sonnendeck eines Kreuzfahrtschiffes zusammen mit dem Pianisten Sviatoslav Richter und dem Geiger Isaac Stern zeigen. Oder auch beim gemütlichen Krocketspiel mit den Komponisten Krzysztof Penderecki, Hans Werner Henze und der Lyrikerin Ingeborg Bachmann.

Für die Morgenpost schrieb Geitel seit 1976. Er war immer auch dem Neuen zugewandt. Und noch weit in den 80ern kaufte er sich ein Laptop und ließ sich in die Welt des Internets einweisen. Sein Laptop klappte der Kritiker erst zu, und das mit aller Konsequenz, als die Finger der einen Hand nach einem Schlaganfall nicht mehr mitspielten. Seitdem verzichtete er auch auf den Besuch von Opernpremieren und Konzerten. Klaus Geitel war ein Grandseigneur und einer der letzten großen Dinosaurier der bürgerlichen Musikkritik.

Hinweis: In einer ersten Version dieses Textes hatte es geheißen, dass Klaus Geitel 92 Jahre alt geworden ist.