KINO

Mann ohne Gefühle

Nach dem tödlichen Unfall seiner Frau entwickelt der Yorker Investment-Banker Davis Mitchel einen ungeheuren Drang zur Zerstörung. Ein verstörendes Märchen. Brilliant: Jake Gyllenhaal.

Wird zur leibhaftigen Abrissbirne: Jake Gyllenhaal als Davis Mitchell in „Demolition – Liebe und Leben“

Wird zur leibhaftigen Abrissbirne: Jake Gyllenhaal als Davis Mitchell in „Demolition – Liebe und Leben“

Foto: Twentieth Century Fox / dpa

Peter E. Müller

Man muss sich den New Yorker Investment-Banker Davis Mitchell als einen zutiefst unglücklichen Menschen vorstellen. Dabei scheint er in seinem Leben bisher alles richtig gemacht zu haben.

Er ist verheiratet mit einer begehrenswerten Frau, die auch noch die Tochter seines Chefs ist. Er hat eine traumhafte Villa. Er hat Erfolg im Job. Es könnte nicht besser laufen für den Edel-Yuppie. Doch dann stirbt seine Frau bei einem so unnötigen wie tragischen Verkehrsunfall. Er sitzt an ihrer Seite und hat kaum eine Schramme. Und nichts ist mehr, wie es war.

Der tödliche Unfall wirft ihn völlig aus der Bahn. Er kann es nicht fassen. Vor allem: er kann nicht trauern. Er spürt keinen Schmerz über den schicksalhaften Verlust. Er zwingt sich, zu weinen, doch es wollen keine Tränen kommen. Aber er verspürt eine nie gekannte, seltsame Lust zur Zerstörung.

Davis will sein Leben am liebsten kurz und klein hauen, er will alles zerdeppern, um noch einmal neu beginnen zu können. Er sucht Halt in einer Welt, die ihm von heute auf morgen schrecklich fremd geworden ist.

Die Geschichte ist nicht immer in sich schlüssig

Der kanadische Regisseur Jean-Marc Valleé hat bereits mit so überraschenden wie überzeugenden Filmen wie dem oscargeehrten „Dallas Buyers Club“ oder „Wild – Der große Trip“ für sich eingenommen. In „Demolition – Lieben und Leben“ zeigt er nun einen Mann, dem jegliche Gefühlsregung verloren gegangen scheint.

Nicht immer ist die Geschichte in sich stimmig, nicht immer können die temporeich geschnittenen und dennoch stillen Bilder den Zwist des Protagonisten fühlbar machen. Doch es ist vor allem das außergewöhnliche Ensemble, das diesen Film dann doch sehenswert macht.

Allen voran Jake Gyllenhaal, der vielseitige Charakterdarsteller, der diesem gebrochenen Mann Format verleiht. Er spielt diesen Davis mit kühler Trauermiene, hängenden Mundwinkeln und leeren Augen. Er ist der glücklos Suchende, der seinem Leben einen neuen Sinn geben will. Er kann nicht umgehen mit dem Tod seiner Frau Julia (Heather Lind). Er erinnert sich in Rückblenden an seine Zeit mit ihr, eine gute Zeit, und doch spürt er keine Liebe für sie. Keine Trauer.

In der Notfallklinik, in der Julia auf dem OP-Tisch stirbt, versucht er, sich aus einem Automaten eine Tüte M&M‘s zu ziehen. Die Packung bleibt hängen. Noch in derselben Nacht beginnt er, lange Beschwerdebriefe an die Automatenaufsteller-Firma zu schreiben. Briefe, in denen er sich nicht nur den Ärger über die defekte Maschine, sondern den Frust seines ganzen Lebens von der Seele schreibt.

Ungeheurer Drang zur Zerstörung

Sein Chef und Schwiegervater Phil (Chris Cooper), dem die seltsame Wandlung seines Schwiegersohnes nicht verborgen bleibt, gibt ihm einen folgenschweren Rat. Wenn man etwas reparieren wolle, müsse man es erst einmal völlig auseinander nehmen, um den Fehler zu finden und es dann wieder zusammenbauen zu können. Davis nimmt den Rat wörtlich und findet Gefallen daran. Er entwickelt einen ungeheuren Drang zur Zerstörung.

Er nimmt den Luxuskühlschrank in seinem Haus auseinander. Und lässt die Trümmer liegen. Dann zerlegt er eine Toilette in der Firma wegen einer knarzenden Tür brachial in ihre Einzelteile. Ja, er bezahlt sogar einen Bauarbeiter-Trupp, der ein Haus in der Nachbarschaft abreißt, damit er bei der zerstörerischen Arbeit mitmachen kann. Schließlich zerlegt er auch sein eigenes Haus. Und fühlt sich wohl dabei.

Man kann das seltsame Verhalten des Davis Mitchell nicht immer nachvollziehen. Doch Jake Gyllenhaal versteht es, die Gefühlswelt dieses Rastlosen auf überzeugende Weise sichtbar zu machen.

Eine Sachbearbeiterin freundet sich mit ihm an

Eines Nachts klingelt das Telefon. Die Sachbearbeiterin der Automatenfirma ist dran. Karen (Naomi Watts) hat all die Briefe von Davis gelesen. Sie ist bewegt, gerührt und neugierig auf den Mann. Sie treffen sich auf dem Rummel in Coney Island. Davis lernt Karens Sohn Chris (Judah Lewis) kennen, ein Kind, in dem ebensolche destruktive Kräfte brodeln.

Sie freunden sich an. Sie machen heimlich Schießübungen im Wald mit scharfer Munition. Sie zerlegen schließlich gemeinsam Mirchells Haus in seine Einzelteile. Sie helfen sich gegenseitig. Und auch die platonische Beziehung zu Karen hilft Davis, sich aus seinem in Schutt und Asche liegenden Seelental zu befreien.

Im Zentrum aber steht immer Jake Gyllenhaal, der für sich einnimmt und der seinem unausgegorenen Charakter Seiten abgewinnt, die Mitgefühl provozieren. Auch die Beziehung zu Karens pubertärem Sohn hilft dem an sich selbst Leidenden, irgendwann seine Mitte wieder zu finden.

Zunächst aber reicht ein Vorschlaghammer einfach nicht mehr aus. Das Werkzeug muss immer aufwendiger werden. Eines Tages kommt Davis mit einem ausgewachsenen Bagger angefahren. Es sei schon spannend, was man heutzutage alles auf Ebay bekommen könne, meint er lapidar.

Ein verstörendes Märchen

„Demolition“ ist ein verstörendes Märchen von einem, der auszog, das Lieben und das Leben neu zu lernen. Hier wird ein Mensch zur leibhaftigen Abrissbirne.

Regisseur Valleé erzählt dieses melancholische und auch von viel schwarzem Humor durchzogene Melodram, als wäre es ein Thriller. Ständig knappe Einstellungen, Aufnahmen mit der Handkamera, schnelle Schnitte suggerieren immer neue Bedrohungen und eine große Katastrophe, die dann doch nicht eintritt. Die durchweg imponierenden Schauspieler haben alle Mühe, der nicht immer durchdachten Story Halt zu geben. Aber es gelingt.