Kultur

Ein scheues Reh stürmte die deutsche Hitparade

Die israelische Chansonsängerin Esther Ofarim wird heute 75

Einen besseren Künstlernamen hätte sich Esther Ofarim nicht aussuchen können. Das hebräische Wort Ofarim bedeutet „Rehkitz“, und wie ein scheues Reh wirkt die israelische Sängerin auch: zart und zerbrechlich, mit großen dunklen Augen steht die Musikerin, die in den 1960er-Jahren mit Partner und Ehemann Abi als Gesangsduo Abi und Esther Ofarim Karriere machte, auf der Bühne. Doch wenn die Künstlerin, die am heutigen Montag 75 Jahre alt wird, ihre starke, glockenhelle Stimme erhebt, verzaubert sie ihr Publikum im Nu – wie kürzlich bei der Gala zum 175. Geburtstag des Hamburger St. Pauli Theaters.

Geboren wurde Ofarim 1941 als Esther Zaied in Safed im damaligen Palästina. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Hafenstadt Haifa, was ihr später den Spitznamen „Spatz von Haifa“ einbrachte. Die zierliche Frau mit den dunklen, heute feuerroten Haaren wollte von klein auf Schauspielerin werden, hatte jedoch ein Leben lang mit ihrer starken Schüchternheit und quälendem Lampenfieber zu kämpfen. Ihre Karriere begann Ende der 50er-Jahre am israelischen Nationaltheater in Tel Aviv. Dort lernte sie auch ihren zukünftigen Mann und Gesangspartner Abi Ofarim kennen. 1963 belegte Esther Ofarim für die Schweiz den zweiten Platz beim Eurovision Song Contest – der Grundstein für eine internationale Karriere war gelegt. Mit Songs wie „Cinderella Rockefella“ und „Morning of my Life“ wurde das Gesangsduo weltberühmt, eroberte die deutschen Hitparaden und verkaufte Millionen Schallplatten. Doch der große Bühnenerfolg konnte die privaten Spannungen nicht übertünchen: 1969 kam auf dem Karriere-Höhepunkt die Trennung.

Esther Ofarim begann eine Solokarriere und ging später mit ihrem neuen Mann Philipp von Sell nach New York, wo Sohn David geboren wurde. Ein Angebot des Regisseurs Peter Zadek lockte die Sängerin 1984 wieder nach Deutschland. Der Altmeister wollte sie unbedingt für seine „Ghetto“-Inszenierung (Autor: Joshua Sobol) gewinnen. Als jüdische Sängerin Chaja feierte sie neben Ulrich Tukur an der Freien Volksbühne Berlin Erfolge. Danach wird es wieder stiller um Esther Ofarim. In Hamburg wohnt Esther Ofarim seit etlichen Jahren am Grindel, dem ehemaligen Judenviertel. Auf die Frage, wo eigentlich ihr Zuhause ist, antwortete sie einmal: „Wenn man das daran misst, wo der Supermarkt, die Ärzte, die Bank und der Steuerberater sitzen, ist mein Zuhause sicherlich Hamburg. Aber eigentlich fühle ich mich überall als Tourist.“