Ausstellung

Künstliche Paradiese

Thomas Struth fotografiert in Disney Land und bei der Nasa. Seine großformatigen Bilder sind im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Der Berliner Fotokünstler Thomas Struth –  hier in seiner Ausstellung im Martin- Gropius-Bau

Der Berliner Fotokünstler Thomas Struth – hier in seiner Ausstellung im Martin- Gropius-Bau

Foto: Amin Akhtar

Der Mann hat Nerven. Als Thomas Struth das erste Mal in der Charité einer vierstündigen Gehirn-Operation beiwohnt, weiß er nicht, was ihn erwartet. Er darf die OP fotografieren, Neurologe und Patient haben ihm ihre Einwilligung gegeben. „Was ich gesehen habe, hätte ich lieber nicht sehen sollen. Diese Bilder vergesse ich nicht mehr“, erzählt er uns. Veröffentlicht hat er diese Serie nie – das wäre wohl zu hart geworden für das Publikum.

Jetzt hängen zwei andere OP-Fotografien von ihm im Martin-Gropius-Bau, und sie sind wohl nicht weniger schockierend. Zwar gibt es keinen einzigen Tropfen Blut, alles ist steril und sauber – dafür sehen wir zwei Menschen, die ihre Kontrolle komplett abgegeben haben an Hightech-Maschinen und Roboter, an denen sie hängen. Ein einziges Kabelmeer, weiß, rot, blau. Für den Laien nicht zu entwirren in all den medizinischen Funktionen. Beatmungs- und Messgeräte, Kontrolllampen, Pieper, Pumpen und Knöpfe. Der nackte Mensch verschwindet hinter den farbigen Apparaturen. Das wirkt wie schockgefroren, hyperreal, doch es ist normaler Alltag, Krankenhausroutine. Wer diese Fotos sieht, wünscht sich, dass er niemals in eine solche Lage kommen wird.

Zukunftsthemen verhandelt er in seinen Bildern

In den vergangenen Jahren hat Struth weltweit in den mächtigen „Maschinenräumen“ fotografiert: in OP-Sälen, im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching und Greifswald, bei der Nasa in Cape Canaveral, in einem Energiepool in Edinburgh und im Helmholtz-Zentrum in Adlershof. Dort werden Zukunftsthemen verhandelt – es geht um Energiegewinnung, Weltraumforschung, Medizin. Im Vorfeld muss Struth recherchieren, oft sind es ja Orte, die für die Öffentlichkeit verschlossen sind.

Struth (62), – der neben Andreas Gursky, Thomas Ruff und Candida Höfer zu den großen deutschen Fotografen und der sogenannten Becher-Schule gehört –, präsentiert im Gropius-Bau mit „Nature & Politics“ 37 großformatige Fotografien. Zwischen 2005 und 2016 sind sie entstanden. Kaum zu glauben, es ist seine erste museale Schau hier in Berlin – längst fällig war sie. Und so wandern wir dann an seinen Bilder vorbei wie durch mächtige Kathedralen der Moderne.

Das Kuriose ist, dass Struth mit diesen Fotos bewusst einen Voyeurismus bedient. Man steht davor und weiß nicht recht, ist das Science oder schon Science-Fiction. Diese Technik – wie die hochpolierten Invasivapparaturen – fasziniert einerseits, andererseits erschreckt und befremdet sie uns, weil sie den Menschen entmachtet. Dort, wo die Apparaturen triumphieren, sind sie seelenlos in ihrer gnadenlosen Aufrüstung. Oft werden ganze Landschaftsstriche zerstört. Struth hat so eine Industriebrache in Asien aus der Vogelperspektive eines Hotels fotografiert, die Betonbunker haben die Natur quasi weggefressen.

„Der Vorsprung durch Technik wird oft als Lösung verkauft, als ein einziges Zukunftsversprechen. Das finde ich einen schwierigen Wettbewerb“, sagt Struth. Diese Gratwanderung lotet er in seinen farb- und detailstarken analogen Serien aus, die gescannt und digital vergrößert werden. Wenn man so will, sind seine Fotos so etwas wie eine OP am offenen Kopf der Gegenwart.

Ob er eigentlich menschenscheu sei, wollen wir wissen. Doch wir müssen eigentlich nur seine Fotos anschauen, dort sind Menschen herzlich selten. Und wenn sie darauf sind, nur schemenhaft, in Rückenansicht, als Statist oder als lebloser, anonymer OP-Körper. Er arbeite doch, erzählt Struth, seit Jahrzehnten immer weiter an seinen Familienporträts. Fotos, die wie analytische Familienaufstellungen wirken. Tatsächlich sind diese Bildnisse neben seinen Landschaften und Maschinen ein starker Themenbereich in seinem Œuvre. Die Idee für dieses Projekt hatte er in den 80er-Jahren, als ein befreundeter Psychoanalytiker Familienfotos seiner Patienten untersuchte.

Vor neun Jahren zog er nach Berlin, in Moabit liegt sein Atelier. Über 40 Jahre hat er im Rheinland, in Düsseldorf und Köln, gelebt, doch irgendwann war Schluss. Zumal es gerade für seine Frau, eine New Yorkerin, dort zu eng wurde. Und da war beiden klar, wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die kompatibel ist für beide, nur Berlin.

Bevor Struth in den 70er-Jahren in die Fotografieklasse von Bernd und Hilla Becher in Düsseldorf wechselte, studierte er Malerei bei Gerd Richter. Dessen Malerei sieht aus wie Fotografie, da wundert es kaum, dass seine Fotografie Anleihen bei der Malerei nimmt. Sein Gespür für den Bildaufbau, seine subtilen, sinfonisch angelegten Farbkompositionen – ganz klar von der Malerei inspiriert. Für seine Motive nutzte er damals Fotografien. Irgendwann dachte er, es sei besser, die Fotos gleich selbst zu machen. Zudem fand er, sie verbänden ihn stärker mit dem Publikum als die Malerei, die einsamer sei. Und so wurde aus dem fotorealistischen Maler ein Fotograf mit Hang zum Malerischen.

Die Ausstellung ist ein Gang durch verschiedene Welten, ein Mix aus Fiktion und Wirklichkeit. Und so kommt es, dass Struth uns nicht etwa nur an den Schauplätzen der Hochtechnologie vorbeiführt. Er zeigt auch unsere Ur- und Idealbilder: Walt Disney-Land in Anaheim mit all den artifiziellen Orten, dem nachgebauten Gran Canyon, die Blumen-Villa am See, das Gruselkabinett. Alles, was echt scheint, ist letztlich nur Kulisse.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Mi–Mo 10–19 Uhr. Bis 18. September.
Katalog: 28 Euro