Kultur

Beethovens Konzert tickt wie ein perfektes Uhrwerk

Pianist Krystian Zimerman bei den Berliner Philharmonikern

Ungefähr ein halbes Dutzend Pianisten genießt bei den Philharmonikern besonders hohes Ansehen. Unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten wie Maurizio Pollini und Daniel Barenboim, András Schiff und Yefim Bronfman, Piotr Anderszewski und Krystian Zimerman. Letzterer gab vor 40 Jahren sein Philharmoniker-Debüt. Viele hochgelobte Konzerte und einige Referenz-Aufnahmen mit dem Orchester folgten seither. In fast familiärer Atmosphäre entfaltet der einstige Chopin-Wettbewerb-Gewinner nun Beethovens G-Dur-Klavierkonzert op. 58. Der Kopfsatz klingt klar und ausgewogen. Zimerman überlässt nichts dem Zufall. Ob Tempo, Artikulation oder Dynamik: Alles wirkt ebenso minutiös ausgefeilt wie zügig fließend, selbst die vermeintlich spontanen Interaktionen mit den Philharmonikern. Für Rattle ist das durchaus angenehm. Er kann sich auf Zimermans Geradlinigkeit verlassen. Im langsamen Mittelsatz holen die Musiker nach, was sie zuvor an Romantik verwehrt hatten. Viel freier und nachsinnender präsentiert sich Zimerman hier. Es ist, als würde sich die Zeit unter seinen Händen dehnen. Wie ein perfektes Uhrwerk lässt er wiederum das Finale ticken.

Es wirkt eine Überzeugungskraft, die auch bei den anderen Werken des Abends zu spüren ist. Mit Julian Andersons „Incantesimi“ (Zaubersprüche) steht einmal mehr ein zeitgenössisches Werk der englischen Neo-Romantik auf dem Programm. Der Komponist hat es Sir Simon Rattle gewidmet, am heutigen Abend ist die Uraufführung. Innerhalb von acht Minuten demonstriert Julian Anderson eindrucksvoll, wie organisch er unterschiedlichste Stile mischen kann. Nichts wirkt störend und befremdend an dieser meisterlich orchestrierten Komposition. Immer wieder tritt das Englischhorn mit schamanenhaften Melodieformeln hervor. Wie eine Naturgewalt braust das Orchester dem Höhepunkt entgegen.

Viel gesitteter geht es dagegen bei Andersons Landsmann Edward Elgar zu. Sein leider nur selten im Konzert gespieltes „Introduction and Allegro“ op. 47 knüpft hörbar an Brahms, Beethoven und Johann Sebastian Bach an. Schwungvoll arbeitet Rattle das Klassizistische der reinen Streicher-Komposition hervor – mit rundum überzeug­ten und überzeugenden Philharmonikern an seiner Seite. In Elgars Anfangstakten meint man bereits den tschechischen Komponisten Antonín Dvorák zu vernehmen, und das könnte durchaus Absicht sein: In der zweiten Konzerthälfte stehen seine kompletten „Slawischen Tänze“ op. 46 zur Disposition. Ein effektvolles Repertoire mit viel Becken und Triangel, das wie ein Vorbote des Waldbühnen-Konzerts am 26. Juni wirkt.

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