Kultur

Der aus der Reihe tanzt

Herbert Grönemeyer singt für 22.000 Menschen in der ausverkauften Waldbühneall seine Hits – und auch die brandneue EM-Fußballhymne „Jeder für Jeden“

Sein allerneustes Lied offeriert er erst spät im Zugabenteil. Herbert Grönemeyer hat gemeinsam mit dem Hamburger DJ Felix Jaehn eine inoffizielle Fußballhymne zur EM geschrieben und musste dafür bereits viel Prügel einstecken. Zu sperrig, zu beliebig und überhaupt nichts zum Mitsingen sei das. Dass sich „Jeder für Jeden“ sogar ziemlich gut mitsingen lässt, konnte man am Dienstagabend dann aber live miterleben, als 22.000 Besucher in der seit Wochen ausverkauften Waldbühne die Refrainzeilen lauthals mitskandierten. Geht doch.

Gucken die hinter der Bühne eigentlich vorher die Tagesschau? Pünktlich um 20.15 Uhr jedenfalls steht die Sieben-Mann-Band am Dienstagabend unter der weißen Zeltdachbühne, und als Herbert Grönemeyer ganz in Schwarz und mit sportiven Turnschuhen auf die Bühne tanzt, nach links, nach rechts, nach vorn, tobt die Waldbühne wie bei einem 1 : 0 für Deutschland. Wahrscheinlich könnte Herbert Grönemeyer im Sommer jeden Monat einmal in der Waldbühne auftreten, und das Amphitheater wäre immer und immer wieder voll.

„Unter Tage“, die kantig-bluesige Hommage an die Bergleute im Pott steht am Anfang des Abends, der sich freilich nicht groß unterscheidet von den beiden Waldbühnenkonzerten im vergangenen Jahr. „In der Not sicher und gefasst, Hauptsache ist, auf dich ist Verlass“, singt er, und klar, die Besucher verstehen, wen er damit an diesem frühsommerlichen Abend meint. Ein kurzer Laufsteg führt von der Bühne ins Publikum. Er wird zur Hauptspielfläche. Grönemeyer mit Gitarre, Grönemeyer am Piano, Grönemeyer nur mit Mikrofon. Immer mittendrin.

Er kokettiert mit derEitelkeit des Künstlers

Der Mensch Grönemeyer und der Schauspieler Grönemeyer verschmelzen zu einem immer nah an den Fans agierenden Entertainer, der selbst kaum fassen kann, wie viel positive Energie ihm da von den steilen Bühnenrängen entgegenwogt. Neue Stücke, die ihm am Herzen liegen, hat er gleich an den Anfang gepackt. Wie „Wunderbare Leere“ oder „Fang mich an“. „Irre!“, ruft er immer wieder in die Menge. „Irre!“ Und verspricht: „Wir geben heute unser Bestes.“ Er albert gern herum. Er kokettiert mit der Eitelkeit des Künstlers. Er versteht es, sich selbst nicht ganz ernst zu nehmen.

Aber er kann auch anders, wenn es darum geht, Zivilcourage zu zeigen. Gerade sei er 60 geworden, was jetzt nicht so wichtig sei, erzählt er. Aber ihm sei aufgefallen, dass die Zeiten wackeliger geworden seien. Man müsse den Menschen, die um ihr Leben laufen und zu uns kommen, doch helfen und massiv dagegenhalten, wenn rechtskonservative Umtriebe drohen, die Überhand zu gewinnen. Dann singt er das bewegende Lied „Unser Land“, diesen Aufruf zu Toleranz, in dem es heißt: „Weit, nah – heute geht’s mir wunderbar, scharf rechts – sofort geht’s mir wieder schlecht, nur Plan und Angst, glücklich, der aus der Reihe tanzt.“

Das noch immer aktuelle, vielfach ausgezeichnete Album „Dauernd jetzt“ steht im Mittelpunkt des mehr als zweistündigen Konzerts, aber natürlich gibt es auch all die Hits, die Grönemeyer groß gemacht haben. Schon früh am Abend stimmt er mit „Glück auf, Glück auf!“ das „Steigerlied“ an, diese traditionelle Hymne der Bergmänner. Und die Fans wissen, was gleich kommt: „Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt …“, röhrt Grönemeyer. Mit „Bochum“ gibt er den bestens aufgelegten Kumpel, und klar singt wieder alles mit.

„Männer“, „Was soll das“ und den musikalisch verblüffend an ZZ Top erinnernden „Vollmond“ peitschen er und seine Musiker als druckvolles Medley durch. Es gibt den Liebesschwur „Flugzeuge im Bauch“ in einer leicht angejazzten Version samt Kon-trabass am Ende des Laufstegs und später „Musik, nur wenn sie laut ist“, „Alkohol“ und natürlich seinen ersten Nummer-eins-Hit „Mensch“. Der Mann ist immer in Bewegung. Von wegen Grönemeyer kann nicht tanzen. Er verausgabt sich für die Menschen vor ihm, und die feiern ihn noch in den obersten Rängen. Irgendwann stehen alle auf. Zu dieser Musik muss man sich einfach bewegen.

Kommen seine Lieder auf Platten eher grüblerisch und auch ein wenig sperrig daher, entwickeln sie im Konzert durch die Livearrangements ein Eigenleben voller rockiger Leichtigkeit. Ebenso beweist er sich als Großmeister der gefühlsmächtigen Trostballaden. Bei einem Song wie „Roter Mond“ oder „Der Weg“ wird es mucksmäuschenstill im Auditorium. Von Anfang an hat Herbert Grönemeyer sein Publikum im Griff. Die Waldbühne schwelgt in Glückseligkeit. Bis die Show mit „Bleibt alles anders“ nach 90 Minuten ins Finale geht.

Reichlich Zugaben gehören bei Grönemeyer einfach dazu

Aber ein Grönemeyer-Konzert wäre kein Grönemeyer-Konzert ohne die Zugaben. Die gibt es wieder zahlreich, darunter eben auch „Jeder für Jeden“, die eingangs erwähnte neue Fußballhymne, gefolgt von „Zeit, dass sich was dreht“, Grönemeyers alte Fußballhymne, sein Hit zum Sommermärchen namens Fußballweltmeisterschaft 2006. Das Stück brachte ihm den zweiten Nummer-eins-Hit seiner Karriere ein. Für „Jeder gegen Jeden“ ist also noch alles offen.