Kultur

Neo Rauch und seine geheimen Welten

Der Malerstar der „Neuen Leipziger Schule“ hat endlich mal wieder eine Einzelschau bei Eigen + Art in Berlin

Immer wenn Neo Rauch in Berlin in seiner „Hausgalerie“ ausstellt, stürmen die Besucher die Galerieräume von Eigen + Art. Diesmal haben die neugierigen Fans des Leipziger Malers lange gewartet, bis Gerd Harry „Judy“ Lybkes Galerie den Werken des international hofierten Künstlers wieder einmal eine Einzelausstellung in Berlin widmete. 2009 waren Rauchs großformatige Gemälde zum letzten Mal in der Auguststraße zu sehen, sieben Jahre ist das mittlerweile her. Die ersten Bilder wurden dann auch gleich am Tag der Eröffnung verkauft. Die großen Leinwände waren zu Preisen von 220.000 bis 880.000 Euro zu haben, die vielen kleinformatigen Zeichnungen, die auch zu sehen sind, sind mit 11.000 bis 22.000 Euro günstiger – alles in allem eben der Wert, den die Arbeiten eines deutschen Künstlers haben, der als das Aushängeschild der „Neuen Leipziger Schule“ vor etlichen Jahren schon weltweit einen Hype auslöste.

Wie ein Zaungast in den eigenen Ausstellungen

Ein Aushängeschild für einen Hype möchte Neo Rauch nicht sein, gibt er sich doch notorisch scheu und verschlossen. Bei Vernissagen sieht man ihn unauffällig wie einen Zaungast und selten ins Gespräch vertieft. So als würde er vor seinen eigenen Besuchern fremdeln. Irgendwann ist er dann ganz verschwunden. Zu seinen Arbeiten äußert er sich ohnehin selten, man solle seine Bilder anschauen, sagt er. Nur 2010, als ihm zu seinem 50. Geburtstag gleich zwei Retrospektiven in deutschen Museen ausgerichtet wurden – eine in Leipzig und eine München –, war das eine oder andere rare Interview zu lesen. Doch auch diese Aussagen bleiben oft kryptisch. In einem Interview mit der Süddeutschen 2010 charakterisierte sich Rauch als „Regisseur von Bühneneffekten“, was bei der Betrachtung seiner Bilder unmittelbar einleuchtet. Wie in theatralischen Szenen stehen sich die Figuren gegenüber, die immer ein wenig größer sind als deren Betrachter. Bei anderen Kommentaren Rauchs kann man nur spekulieren, was er uns damit sagen will: „Unaufgeklärte Zonen sind notwendig, weil sonst das Bild austrocknet, weil es total desinfiziert wird. Ich muss immer wieder neu entscheiden, an welcher Stelle des Bildvortriebs ich eben jene Zäsur setze und Störfelder platziere. Das geschieht immer, wenn das Gefühl aufkommt, die durchbuchstabierten Teile seien übergewichtig.“

Die Gefahr, dass in Neo Rauchs Gemälden etwas zu durchbuchstabiert sein könnte, besteht wohl eher nicht. In seinen befremdlich-surrealen Bildwelten tummelt sich das für ihn übliche mysteriöse Personal: Maler und Bildhauer, Planer und Ausführende, Richter und Henker, wohlhabende Bürger und eilfertige Büttel, merkwürdige Heilsfiguren und Dämonen aller Art vollführen ihre undurchsichtigen Rituale. Die Bilder scheinen untereinander zu kommunizieren, einzelne Versatzstücke wiederholen sich immer wieder: ein junger Mann mit hellem Haar, geflügelte Gestalten, bedrohliche Schlangenfiguren, ein mittelalterliches Dorf, futuristische Türme und Spulen. Wie auf surrealen Bühnen verstricken sich die Protagonisten in mythisch verdichteten Allegorien, deren Bedeutung sich jedoch stets verschließt.

In dem Gemälde „Die Versenkung“, das der Ausstellung bei Eigen + Art den Titel gibt, halten drei Männer einen vierten und lassen ihn über einem Loch schweben, wie um ihn entweder dorthinein zu versenken oder ihn aus der Versenkung zu heben. Im Hintergrund urteilt ein Gericht über einen Angeklagten, der die Szene skeptisch betrachtet. Alles ist von einem Holzdach geziert, das dem Ganzen den Eindruck einer Theaterkulisse gibt. Die Kostüme entstammen unterschiedlichen Zeiten, was dem Bildraum einen historischen Schwebezustand verleiht. Durch die latente Gewalttätigkeit herrscht eine apokalyptische Grundstimmung, die noch verstärkt wird durch die traumwandlerische Gleichgültigkeit, mit der die Figuren ihre Handlungen vollziehen.

Von den Einflüssen des Comics und Reklametafeln oder den Anklängen einer vom Sozialismus geprägten Ästhetik der frühen Bilder hat sich Neo Rauch inzwischen verabschiedet. Die Farben sind dunkler geworden, der Bildraum tiefer, die Anmutung altmeisterlicher. Geblieben sind die kryptisch-dichten Bilderzählungen, das chronisch vereinsamte Personal, der eigentümlich melancholische Surrealismus, der Rauchs Kompositionen durchzieht, sowie das dunkle Raunen des Mythologischen. Ganz klar hat der Maler seinen Stil gefunden, den er ständig verfeinert und variiert.

Hommage an den nie gekannten Vater Hanno

Wer sich weiter in das Werk Neo Rauchs vertiefen will, sollte vielleicht einen Ausflug nach Aschersleben im Harz planen, wo der 56-jährige Maler bei seinen Großeltern aufgewachsen ist. Dort hat er eine Grafikstiftung ins Leben gerufen, die für einige Zeit unter dem Titel „Hanno & Neo Rauch – Vater und Sohn“ eine sehr intime Ausstellung zeigt. Sie präsentiert etwa 50 Holzschnitte, Grafiken und Zeichnungen des Vaters Hanno, die Neo Rauch bisher in einer Mappe aufbewahrt hatte. Hanno Rauch war selbst angehender Künstler und verunglückte mit seiner Frau kurz nach der Geburt Neo Rauchs bei einem Zugunglück. Dem nie gekannten Vater nähert sich der Sohn mit neuen eigenen Werken, die um das Geheimnis dieses frühen Verlustes kreisen.

Eigen + Art, Auguststr. 26. Di–Sa 11–18 Uhr. Bis 2. Juli