Klassik-Kritik

Das Orchester entführt in einen dunklen Wald

Sir Roger Norrington dirigiert das DSO in der Philharmonie

Sir Roger Norrington dirigiert in der Philharmonie Joseph Haydns Symphonie Nr. 87. Ohne Partitur, mit weicher Hand, auf einem hohen Dirigentenstuhl sitzend, von dem sich der 82-Jährige nur selten erhebt. Und wenn er sich, zwischen den Sätzen, zum Publikum umwendet und ihm zulächelt, dann fühlt man sich einbezogen, als habe der eigene Großvater gerade eine Geschichte erzählt. Immer wieder applaudiert er dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, denn so wie es zu Haydns Zeiten kein Vibrato gab, ohne welches das Werk eben seine Duftigkeit zeigt, so wurde regelmäßig nach den Sätzen applaudiert. Zu Recht gibt es hier Beifall für die Flötistin Kornelia Brandkamp mit ihrem filigranen Silberklang und den Oboisten Thomas Hecker, der mit fantastischer Zartheit intoniert.

Norringtons Geheimnis? Bei all seiner Würde und musikalischen Lebenserfahrung dirigiert er jeden Ton, als sei er gerade frisch aufgeschrieben. So auch bei Mozarts oft gespieltem Violinkonzert Nr. 4, D-Dur. Die Leitung obliegt eigentlich der Solistin, behutsam formt der Dirigent nur hier und da den orchestralen Rahmen. Isabelle Faust spielt den Beginn der ersten Geigen mit und hebt sich dann heraus, mit ihrem einzigartigen, edlen, dunkel schimmernden Klang. Ihre Kadenz ist mit vielen Ruhemomenten vorgetragen, als betrachte eine Bildhauerin ihre Marmorskulptur und poliere den perfekten Körper hier und da noch einmal. Im zweiten Satz schickt Isabelle Faust ihren Klang in weite Ferne, im dritten Satz wird nervös tänzelnde, unsichtbare Energie freigesetzt, die das Ende des Werks in höhere Sphären entschweben lässt.

In unheilvollen Nebel gehüllt beginnt Ralph Vaughan Williams’ Symphonie Nr. 9 in e-Moll mit großem Orchester. Unisono marschiert das Orchester durch einen dunklen Wald. Der Konzertmeister wird als Kundschafter mit dem Thema vorausgeschickt, gefolgt von Solotrompete, Englischhorn und den drei Saxofonen. Vaughan Williams’ Klangwelt hat kein Oben und Unten, kein Nah und Fern, deshalb ist das Jenseits ganz nah. Diese Erfahrung haben einige Zuschauer im Laufe des Komponistenzyklus schon machen dürfen, den Roger Norrington mit dem DSO in der kommenden Spielzeit zu Ende führen wird. In der Neunten, seiner letzten Symphonie, läuten Glockenstäbe im Sturm, das Ufer einer anderen Welt schimmert hinter den brausenden Streichern am Horizont. Die Komposition ist größtmögliches Chaos. Aber im wallenden Unbill liegt gleichzeitig Ruhe. Was für ein Erlebnis, einem Dirigenten zu folgen, der alle Elemente in seiner Hand hält. Denn so scheint es bei Sir Roger Norrington, der manchmal die 120 Musiker nur mit seiner Nasenspitze dirigiert.