Kultur

Mord im Parkhaus eines Berliner Einkaufszentrums

Der „Tatort“ wagt sich vor in den Alltag der Hauptstadt

Ein Parkhaus irgendwo unter einem seelenlosen Einkaufszentrum in Berlin. Eine Frau will ihre Tüten in den Kofferraum stellen, wird dann aber auf einen schwarzen Jeep aufmerksam, der mit laufendem Motor mitten im Weg steht. Sie geht auf ihn zu, sie scheint den Menschen hinter dem Steuer zu kennen. Doch der drückt das Gaspedal durch, rammt sie gegen ein parkendes Auto, setzt zurück und überrollt das blutend am Boden liegende Opfer aufs Neue.

Einen ähnlich brutalen Mord konnten wir schon in der Eröffnungsszene des letzten „Tatorts“ aus Ludwigshafen sehen, das war im Februar. Diesmal wird das Auto in Berlin zur Waffe. Die Absicht ist in beiden Fällen klar: Die Stadt soll uns vorgeführt werden als brutales Pflaster, auf dem sich gestörte Menschen ohne Empathie bewegen. Doch darin erschöpfen sich schon die Parallelen zwischen den konventionellen Geschichten aus Ludwigshafen und den vielversprechenden Fällen aus der Hauptstadt. Und das sind sie erstens wegen der beiden Ermittler, die das Erbe ihrer Vorgänger gut und mit mehr Sinn für die Gegenwart verwalten, als die Kommissare Ritter und Stark es zuletzt konnten. Meret Becker als Nina Rubin ist ein Kind der Berliner Straße, stammt aus dem Wedding und versucht mit Mühe und Not, die Restbestände ihres Privatlebens zu retten. Und Mark Waschke als Robert Karow ist ein analytischer Kopf mit Hang zur Einzelgängerei, der auch vor brutalen Ermittlungsmethoden nicht zurückschreckt. Beide Charaktere sind in sich stimmig und reiben sich auf eine Weise aneinander, die sich nicht immer zwanghaft in Komik auflösen muss – auch dies ein Unterschied zu den etablierten Kommissarspärchen aus München, Münster oder Köln.

Vielversprechend ist der Berliner „Tatort“ außerdem, weil er etwas riskiert. Die Erfolgsgeschichte epischer Serienformate hat sich in Deutschland ja schon hier und dort niedergeschlagen in dem Versuch, die Geschichten ins Horizontale zu weiten, sie also fortlaufend zu erzählen und nicht in sich geschlossen. Hinzu kommt, dass Rubin und Karow nur alle paar Monate auf den Bildschirm kommen, man also ein gutes Gedächtnis mitbringen muss. Die in jeder Folge weitergeführte Geschichte um Karows Vergangenheit beim Drogendezernat und den rätselhaften Tod eines Kollegen entwickelt inzwischen ihren eigenen Sog. Und sie erklärt uns nebenbei auch viel über diesen Mann, der gern auch mal Zeugen mit Kabelbindern fesselt und zur Not mit Betäubungsmitteln ruhig stellt.

Im Zentrum steht diesmal allerdings das alltägliche Leben in der Großstadt. Es stellt sich heraus, dass die Halterin des Jeeps, mit dem der Mord verübt wurde, mit dem Opfer befreundet war. Regisseur Torsten C. Fischer hat diesen „Tatort“ ästhetisch konsequent inszeniert, und die Geschichte von Autorin Dagmar Gabler hält die Spannung bis zum Schluss. Wir dürfen uns freuen auf die nächste Folge aus dem dreckigen Berlin.

„Tatort: Wir – Ihr – Sie.“
ARD, Sonntag, 20.15 Uhr