Kultur

Wilde Wolken für 1,2 Millionen Euro

Frühjahrsauktion bei Grisebach: Bilder aus der Sammlung des Verlegers Rudolf Mosse wurden verkauft. Nolde knackte die Millionengrenze

Die Frühjahrsauktionen bei Grisebach glichen diesmal einem spannenden Krimi. Höhepunkt war die Versteigerung des schönen, sommerlichen Wolkenbildes von Emil Nolde. Nolde liebte extreme Naturschauspiele und ließ sich von ihnen beeindrucken. „Mit Wolken und Stimmungen der heimatlichen Gegend war ich wie verwachsen“, stellte er schon 1916 fest. Das spürt man auch in seinem Gemälde „Weiße Wolken“ von 1926. Nolde konzentriert sich ganz auf den Himmel, nur ein Stück Landschaft in saftigem Grün ist darunter zu sehen sowie ein angedeuteter Bauernhof aus Ziegelsteinen in leichten Rottönen am Horizont. Vor luftig weißen Wolken, kündigt sich dahinter dunkel und bedrohlich ein Unwetter an.

So turbulent wie auf Noldes Bild ging es im Auktionssaal nicht zu. Nach nur kurzem, heftigen Bietergefecht wurde das Gemälde für 1,25 Millionen Euro an einen deutschen Privatsammler verkauft. Noldes Gemälde war eines der 20 Lose bei Grisebach, die aus der Sammlung Adalbert und Thilda Colsman stammten, eine hochkarätige Kollektion moderner Kunst mit Werken von Emil Nolde, Christian Rohlfs und Paula Modersohn-Becker. Adalbert Colsman – ab 1915 Geschäftsführer der von seinem Vater mitbegründeten Seidenweberei Conze & Colsman in Langenberg – hatte durch seine Schwester Gertrud einen besonderen Kontakt zur Moderne. Diese war mit Karl Ernst Osthaus verheiratet, der 1902 in Hagen das Folkwang Museum gegründet hatte, das erste Ausstellungshaus weltweit, das sich vorrangig der Gegenwartskunst verschrieb. Dort ließ sich Adalbert Colsman inspirieren, entdeckte seine eigene Sammelleidenschaft. Auch die anderen Bilder aus einer Sammlung verkauften sich bei Grisebach sehr gut, darunter auch „Die Blauen Berge“ von Christian Rohlfs um 1912, die einst prägnant im Salon der Colmans hingen.

Ein skandinavisches Museum kaufte Otto Mueller

Trotz des prall gefüllten Auktionssaals entwickelte sich die Abendauktion überraschend gemischt. Im Angebot waren eigentlich hochkarätige Werke der Moderne, und vieles verkaufte sich auch gut. Neben Noldes Wolken wurde auch das zweite Highlight des Abends zum Star: Die „Zwei Mädchen mit gegabeltem Baum“ von Otto Mueller (um 1916/17) mit den schlanken Gestalten in arkadischer Landschaft begeisterten ein skandinavisches Museum so sehr, dass es ein Million Euro dafür bot und den Zuschlag erhielt.

Auch das wunderbare Bildnis des Fräulein Heck unter rotem Sonnenschirm im Ruderboot auf dem Starnberger See von Lovis Corinth oder das sozialkritische Aquarell „Drinnen und Draußen“ (1925) von George Grosz erzielten gute Preise. Doch andere wichtige Lose blieben unverständlicherweise liegen, darunter wunderbare Werke von Jawlensky, Beckmann, Klee und vor allem die beiden schönen Bilder von Karl Hofer. Eines davon war die versonnene „Frau mit Papagei“ von 1940.

Die Zögerlichkeit der Bieter war wohl nicht allein der Hitze des Tages geschuldet, die sich im Auktionssaal bedenklich staute. Bernd Schultz, geschäftsführender Gesellschafter bei Grisebach macht auch die aktuelle kulturpolische Diskussion dafür verantwortlich: „Wir haben mit jeder Auktion eine größere Resonanz. Es gibt immer mehr Schriftgebote, diesmal waren es allein fünf Leitzordner voll. Aber das Kulturschutzgesetz verunsichert viele Leute.“

Sehr gut hingegen lief die Auktion mit Werken aus dem 19. Jahrhundert am Tag davor, in der die drei Werke aus der Sammlung des großen Berliner Zeitungsverlegers Rudolf Mosse versteigert wurden. Einst hingen Menzels zartes Pastell von seiner Schwester Emilie, Wilhelm Leibls „Bildnis des Appellationsrats Stenglein“ und Ludwig von Hofmanns schwärmerisch-erotischer „Frühlingsturm“ in Mosses Stadtpalais am Leipziger Platz. 1934 wurde die gesamte Kunstsammlung Rudolf Mosses als erste ihrer Art von den Nationalsozialisten konfisziert und zwangsversteigert. Die Werke hingen in den Museen in Sindelfingen, Darmstadt und Winterthur, die offenbar alle nicht ahnten, dass in ihren Beständen Raubkunst existierte. Erst im letzten Jahr wurden die drei Bilder an die Erben des jüdischen Zeitungsverlegers Mosse in Amerika zurückgegeben.

Die Familie aus Amerika war dann auch angereist. Bevor es losging, wurde eine große Überraschung verkündet: Auf Vermittlung von Grisebach konnte der „Frühlingsturm“ von Hofmann bereits im Vorfeld der Auktion verkauft werden. Für 300.000 Euro ging er an einen unbekannten Mäzen, der das Bild dem Museum „Mathildenhöhe“ in Darmstadt wieder als Dauerleihgabe zur Verfügung stellt. Dort war es jahrelang als herausragendes Beispiel für den Darmstädter Jugendstil ausgestellt gewesen.

Und das war nur der Anfang. Für stolze 850.000 Euro ging Menzels Pastell nach regem Bietergefecht unter den Hammer und an einen Schweizer Privatsammler. Der Applaus im Saal war riesig. Ein großer Erfolg für das Auktionshaus.