Berlin Biennale

Eine Schnitzeljagd durch Berlin mit großer Kunst

Die Berlin Biennale zeigt an fünf Orten in der Stadt Lifestyle, Medienkunst und Mode. Die Tipps der Berliner Morgenpost.

Besucher betrachten im Rahmen der 9. Berlin Biennale im KW in Berlin eine Installation

Besucher betrachten im Rahmen der 9. Berlin Biennale im KW in Berlin eine Installation

Foto: Britta Pedersen / dpa

Soll bloß nicht einer sagen, die Berlin Biennale mache es sich leicht mit der Stadt. An fünf Orten bezieht sie bis zum 18. September Stellung: in der Elitewirtschaftsschule ESMT, im ehemaligen Staatsratsgebäude, in einem Telebunker in Kreuzberg, Domizil der privaten Feuerle Collection und einem Touristendampfer Blue Star.

Im Zentrum steht die Akademie der Künste (AdK) am Brandenburger Tor, Schnittstelle zwischen „Macht und Politik“. Mit dabei ist freilich auch das Mutterhaus, die Kunstwerke in der Auguststraße. Kuratiert wird die Großschau, die auf dreieinhalb Monate Laufzeit verlängert wurde, in diesem Jahr durch das Künstlerkollektiv DIS.

Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro betreiben das DIS Magazine, eine experimentelle Onlineplattform. Die Vier kommen aus New York und sind ständig online. „Wir interessieren uns für die Oberfläche“, haben sie kürzlich gesagt. Versteht sich also von selbst, dass es bei ihnen zwischen Kunst, Werbeclipästhetik, Musik, Design, Lifestyle und Webshops keine Grenzen mehr gibt. Die meisten der Künstler, die DIS ausgewählt hat, sind um die dreißig, sie sind „digital natives“, haben also nie ohne Internet gelebt und gearbeitet.

Ein Rundgang durch die Stadt.

1. ESMT European School of Management and Technology

Drin in der Eingangshalle flackern die Dax-Kurse auf einem Video. Auf dem Screen daneben stehen Termine – „Today on Campus“. „Vid Co DSI/ Airbus“ läuft gerade in Room 10.16. Schlanke, junge Damen in knappen, dunklen Kostümen eilen vorbei. Oben an der Treppe lobt ein Mann auf einem Bildschirm die „Brain City“ Berlin. Hier sei alles möglich, hier sei die Kreativität zu Hause, sagt er auf Englisch. Ein rotes Logo erscheint, unschwer als Berlin-Werbung zu erkennen. Und wir stehen mittendrin in diesen virtuellen Schauplätzen und wissen gerade nicht so recht, ob sich hier die Kunst nicht einfach die Sphären der internationalen Ökonomie anverwandelt hat. Irgendetwas an der Situation ist bizarr, das Gebäude aus den 60er-Jahren ist wie eine paradoxe Zeitkapsel, die DDR-Patina nicht zu leugnen. Das Diplomatenzimmer der DDR-Funktionäre nennt sich heute Cafélounge, ist weiß und der Hightechautomat glänzt wie ein poliertes Auto. Die Kugellampen an der Decke sind so retro, dass sie in jedem Interieurmagazin Fans finden könnten. Wir steigen in das erste Stockwerk, dort gibt es in Honeckers ehemaligem Kinosaal Propaganda der anderen Art – gemischt mit allerlei Glücksverheißungen. Das Kollektive GCC aus Dubai hat dort eine Laufbahn installiert, wie sie in den Golfstaaten weit verbreitet ist. Mitten im Saal – umgeben von Wüstensand – steht eine Frauenfigur mit Kopftuch und beschwört unsere „positive Energie“. Sie gibt Tipps zur Selbstoptimierung. Sie will, sagt sie, „dass du der Beste bist“, der Staat brauche dich, die Zukunft ohnehin. Sei positiv, meide negative Energien. „I love you“, sagt sie, wiederholt den Satz. Und wir fragen uns, was Honecker wohl gedacht hätte bei so viel Indoktrination. Durch die Panoramascheiben hindurch schauen wir hinaus auf das Humboldt-Forum, das Alte Museum. Ach, Berlin.

2.Akademie der Künste

Unisex-Schaufensterpuppen in schwarzen T-Shirts stehen auf dem Tresen im Eingangsbereich. An der meterhohen Leinwand ein Werbeclip mit diesen Basics. Könnte glatt eine Kollektion von CK sein, ist sie aber nicht, sondern vom US-Designer Telfar, der seine eigene Anti-Linie hat. Hier hat er einen Pop-up-Shop eingerichtete, Mercandising gehört heute zum Job. Für die Berlinale-Aufsichten hat er Designer Uniformen entworfen, „Personal“ steht auf den T-Shirts. Ein schönes deutsch-englisches Wortspiel. Selten haben wir die Akademie so offen erlebt, hier geht es bis in den Fahrradkeller hinunter, auch Zwischengeschosse und Garderoben werden bespielt. Ein chaotischer Marktplatz, wo jeder sein Ding macht. Künstliche Landschaften, flimmernde Videoinstallationen und ein „Dress Rehearsel“ vom Center of Styl. Upcycling heißt der Anti-H&M-Trend. In seinem „Happy Museum“ erteilt uns Simon Fujiwara eine Deutschlektion. Sein Bruder Daniel, der Glücksforscher ist, kennt sich aus mit deutschen Gefühlen. Wer Glück sucht, stößt auf eine Klischeekiste: Spargel, Kinderschokolade und ein Gartenzwerg sind in Vitrinen platziert. Mutti Merkel darf nicht fehlen, ihr Make-up ist ausgestellt in Form eines Pulverberges. Wenn sie diese Marke benutzt, sieht sie natürlich aus im Kameralicht. Wer ein Päuschen braucht, schmeißt sich auf das XXL-Lotterbett von M/L Artspace. Auf dem Video oben am Kopfende geht gerade eine hedonistische Party ab. Eine Art Anti-Ausstellung, für nur eine Nacht. Danach bleibt wenigstens das Video.

3. Blue Star Fahrgastschiff

Weiter geht es zur Spreetour. Doch das Vergnügen ist zwiespältig, denn das Künstlerduo Korakrit Arunanondchai und Alex Gvojic hat die Blue Star in ein trashiges Gruselkabinett verwandelt. Das Schiff fährt auf der normalen Stadtkerntour zwischen Fischerinsel und dem Haus der Kulturen der Welt an Museen und Regierungsviertel vorbei. Betritt man das Deck, erblickt man ein Blumenmeer rund um eine Bühne, es erinnert an die Rituale einer thailändischen Hochzeit. Das Innere des Schiffs wirkt wie eine düstere Höhle. Die Schuhe müssen ausgezogen werden, der fellartige Teppich auf dem Boden will geschont sein. Ein Video erzählt, untermalt von lauter Musik, vom Ende der Menschheit und der Auslöschung der Natur. Ein verkabelter Mensch ist zu sehen. Er erfindet eine virtuelle Realität und verliert sich in ihr. „Matrix“ lässt grüßen. Vor dem Monitor mit dem Video liegt ein affenartiges Wesen, auf dem eine furchteinflößende Kinderpuppe sitzt. Eine Butterfahrt ist diese Tour nicht, eher ein Höllentrip ins Herz der Finsternis.

4. Kunstwerke

Im Dunkeln tastet man sich in die große Halle der KW. In der Ferne leuchtet eine Leinwand, weiße Laufstege führen dorthin. Bevor es die Treppe zu der gigantischen Videoinstallation von Cécile B. Evans hinuntergeht, wird man gewarnt. Die Halle sei geflutet, man müsse auf den Stegen bleiben. Vor wenigen Minuten sei schon jemand ins Wasser gefallen. Im Film treten merkwürdige animierte Wesen auf, verstrickt in Gespräche über das Menschsein in der Zukunft. Unterbrochen wird alles durch fiktive Werbung und Naturaufnahmen. Eine beklemmende, schwer deutbare Zukunftsvision. Konkreter ist da die Videoinstallation der US-Künstlerin Amalia Ulman, die in einem hysterischen Loop auf mehreren Monitoren den widersprüchlichen Rollen als Frau in der medialisierten Kunstwelt gerecht werden will. Am Ende zeigt sie ihr vor Stress um Jahre gealtertes Alter Ego. In einem kleinen Raum, der mit Katzenstreu ausgelegt ist, kann man George W. Bush, Donald Rumsfeld und Dick Cheney dabei zusehen, wie sie in grauen Gefängnisoveralls voller Reue über den Irakkrieg vor sich hinwimmern. Das 3-D-Rendering von Josh Kline schreibt Geschichte um und sühnt in der Fiktion ungeahndete Kriegsverbrechen.

5. Feuerle Collection

Wer vielleicht etwas Ruhe nach dem Rausch der grellen, schnellen Bilder braucht, fährt zum ehemaligen Telebunker. Mit etwas Glück fährt gerade der „New Media Express“ ab, eine Miniaturbahn, auf deren Waggons die Besucher auf Schienen durch die Schau tuckern können. Die britische Künstlerin Josephine Pryde fragt sich nämlich, wie man eine Ausstellung sieht, wenn man mobil ist. Gute Frage, wir haben keinen Platz bekommen. Wir schreiten also ihre parallel zu den Schienen an der Wand hängende Fotoserie ab. Lauter Hände, junge Hände, dass sieht man an dem grellen Lack auf den Nägeln, grün, blau, quietschgelb. Die Finger dieser Hände halten ein Smartphone oder ein iPad umklammert. Es gibt unterschiedliche Positionen, wie bei den Selfies. Moderne Bildnisse eben.

Mi-Mo 11-19 Uhr, Do 11-21 Uhr. Alle Orte sind dienstags geschlossen