Hauptrolle Berlin

Ein Generationenporträt voller Umzugs- und Beziehungskisten

Das alte Rein-Raus-Spiel mal anders: Am 7. Juni präsentieren Dietrich und Anna Brüggemann im Zoo Palast den Film „3 Zimmer/Küche/Bad“

Wer liebt wen und wer zieht mit wem zusammen? Dina (Anna Brüggemann) bandelt mit Michael (Alexander Khuon) an, der hat Wiebke (Katharina Spiering, hi.) das Herz gebrochen

Wer liebt wen und wer zieht mit wem zusammen? Dina (Anna Brüggemann) bandelt mit Michael (Alexander Khuon) an, der hat Wiebke (Katharina Spiering, hi.) das Herz gebrochen

Foto: Zorro Filmverleih

Umzüge sind was Schreckliches. Dieser merkwürdige Zwischenzustand, schon auf dem Sprung und doch noch nicht fort zu sein. Die Anstrengung des tagelangen Packens und der Stress, dass ja nichts verloren geht. Man vergisst, man verdrängt das schnell. Dabei sind es doch genau solche Neustarts, die das Leben prägen.

Das haben auch Dietrich und Anna Brüggemann erkannt. Und daraus einen charmanten Film gemacht, in dem permanent Kartons gepackt, Wände geweißt und Waschmaschinen geschleppt werden. Der Ausnahme- als Dauerzustand. Und als Porträt einer Generation.

Und wo könnte ein solcher Film besser angesiedelt sein als in Berlin, wo es – zumindest so lange die Mieten das noch erlaubten – zum guten Ton gehört, als junger Mensch alle zwei Jahre umzuziehen? Deshalb wird „3 Zimmer/Küche/Bad“ aus dem Jahr 2012 noch in der Reihe „Hauptrolle Berlin“, die der Zoo Palast gemeinsam mit der Berliner Morgenpost präsentiert, noch einmal gezeigt, in Anwesenheit von Regisseur Dietrich Brüggemann und seiner Schwester, der Schauspielerin Anna Brüggemann, die mit ihm zusammen das Drehbuch schrieb und auch eine der Hauptrollen spielt.

Es ist die Geschichte von acht Freunden, die in immer neuen Konstellationen zusammenzieh’n und auseinandergeh’n. Die sich, typisch für die Generation Praktikum, im Vorläufigen, in der Zwischenlösung eingerichtet haben. In Zeiten, in denen nicht erst die Wirtschaft, sondern schon das Bafög mehr Flexi- und Mobilität verlangt, ist der junge Mensch längst zum Nomaden geworden. Die Umzugskartons wechseln aber vor allem mit den Beziehungskisten.

Thomas (Robert Gwisdek) und Philipp (Jacob Matschenz) lösen ihre anarchische Jungens-WG auf, weil Philipp mit seiner Freundin Jessica (Alice Dwyer) zusammenzieht, was aber, wie sie am ersten Abend in der neuen Wohnung feststellen, keine gute Idee war. Also stehen beide wieder in der alten Wohnung, wo inzwischen auch Philipps Freundin Maria (Aylin Tezel) eingezogen ist.

Obwohl Philipp doch heimlich in Dina (Anna Brüggemann) verliebt ist, die ihn aber nur als besten Freund begreift – und ausnutzt. Kommt noch der Don Juan Michael (Alexander Khuon) hinzu, der mit allen Mädchen rummacht, aber nie eine feste Beziehung will. Und die zwei Schwestern von Philipp, die es ebenfalls nach Berlin zieht.

Mit den Beziehungskisten wechseln die Umzugskisten

Man wohnt am Alex mit pittoreskem Blick aufs Rote Rathaus, am trendigen Frankfurter Tor oder am eher biederen Volkspark in Schöneberg. Ein ewiger Szenenwechsel von einem Kiez in den anderen und quer durch die halbe Republik. Ständig dreht sich das Partnerkarussell. Man darf dabei schon mal den Überblick verlieren, die Protagonisten wissen ja oft selbst nicht, wen und was sie eigentlich wollen.

Aber nicht nur die Twentysomethings sind noch nicht ganz angekommen. Auch Philipps Eltern (Corinna Harfouch, Hans-Heinrich Hardt) gestehen ihrem Nachwuchs ausgerechnet am Weihnachtstisch, dass sie die letzten Jahre nur noch eine Scheinehe führten und sich nun trennen werden. Nichts ist von Bestand, alles ist in permanenter Auflösung.

Anna und Dietrich Brüggemann kennen das aus eigener Erfahrung. Schon als Kinder mussten sie oft mit ihren Eltern umziehen, nach München, Stuttgart, Regensburg, sogar Südafrika. Kaum hatten sie Freunde gefunden, waren sie schon wieder weg. Wohl ein Grund, warum die Geschwister von früh auf so symbiotisch aneinanderhingen. Als der Bruder schließlich im Jahr 2000 nach Berlin zog, folgte seine Schwester ein Jahr später – und zog wie selbstverständlich erst mal bei ihm ein. In einer WG mit zwei Freunden, stellenweise auch noch mit deren Partnern.

„Irgendwann“, erinnert sich der Bruder, „fiel mir auf, dass ich fast jedem meiner Berliner Freunde mindestens einmal beim Umzug geholfen habe. Dass ich aber auch mit Freunden, Geschwistern und Hausrat quer durch Deutschland gefahren bin.“ Und das all diese leergeräumten Wohnungen und vollgeräumten LKWs bleibende Erinnerungen sind, „die lebendiger bleiben als allerhand Freizeitaktivitäten und so manche Urlaubsreise.“

Wie „Neun Szenen“ (2006), „Lauf, wenn du kannst“ (2010) und später auch „Kreuzweg“ (2014) gingen die Geschwister ihren dritten Film gemeinsam an. Was immer so aussieht, dass sie zusammen das Drehbuch entwickeln, Dietrich dann Regie führt und Anna eine Rolle spielt. Dabei haben sie, wie sie zugeben, manchmal schamlos vom Leben abgeschrieben. Das glaubt man sofort. Wenn man aus dem Kino oder in die U-Bahn kommt, glaubt man lauter Philipps und Swantjes zu sehen.

Ein munteres Stelldichein der Berliner Filmszene

Vor allem aber haben die Brüggemanns lauter Freunde überredet, mitzumachen. So entstand eine hochkarätige Besetzung mit lauter jungen Berliner Schauspielern, und der Spaß, den sie beim Drehen hatten, überträgt sich sofort auf den Zuschauer.

Dabei ist „3 Zimmer/Küche/Bad“ nicht nur durch all die Umzüge strukturiert, sondern auch durch die Jahreszeiten, mit Running Gags wie Gespräche beim Radfahren oder Bibelhausierern an der Tür. Schließlich haben auch noch lauter Regiekumpels wie Andreas Dresen, Christian Schwochow, Sven Taddicken und Robert Thalheim auf einen Kurzauftritt vorbeigeschaut. Ein munteres Stelldichein der Berliner Filmszene.

Und die wahren Freunde im Leben, das ist die letzte Erkenntnis des Films, sind oft nicht die, mit denen wir zusammen gelebt haben. Sondern die, die uns umziehen halfen.

Zoo Palast , 7. Juni, 20 Uhr,
in Anwesenheit von Anna und Dietrich Brüggemann.
Tickets unter www.zoopalast-berlin.de
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