"Tatort"-Kommissarin

Meret Becker: „Streiten ist was Kreatives“

Die Schauspielerin zieht nach drei Berlin-„Tatorten“ Bilanz. Mit dem Fernsehen fremdelt sie noch immer, sie zieht es mehr zum Theater.

Fernsehen ist eigentlich nicht so ihres. Für den Berliner „Tatort“ spielt Meret Becker erstmals eine Serienfigur. Und findet es gut, sich damit auch an ihrer Stadt abarbeiten zu können

Fernsehen ist eigentlich nicht so ihres. Für den Berliner „Tatort“ spielt Meret Becker erstmals eine Serienfigur. Und findet es gut, sich damit auch an ihrer Stadt abarbeiten zu können

Foto: ARD / RBB / rbb/Frédéric Batier

Sie kommt mit dick verbundenem Finger. Sie ist am Vortag in einem Kreuzberger Familienzentrum, dessen Schirmherrin sie ist, gestolpert und hat sich dabei den Finger verbogen. Der pocht noch immer. Nächste Woche muss sie Konzerte geben. Sie weiß noch nicht, wie sie da Gitarre spielen soll. Aber Meret Becker ist hart im Nehmen. Wir trafen sie in den Büros vom RBB, für den sie gerade ihren dritten „Tatort“ gedreht hat.

Berliner Morgenpost: Kompliment, Frau Becker, Sie haben kürzlich Claus Peymanns Handke-Premiere im Berliner Ensemble gerettet. Hatten Sie wirklich nur drei Tage Zeit, um bei „Die Unschuldige, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ einzuspringen?

Meret Becker: Ja, das war aufregend, aber auch nicht unkomisch. Als Peymann mich anrief, war ich gerade nach Frankreich gefahren. Und zwar in die tiefste Provinz. War gar nicht so leicht, mich wieder zurückzubekommen.

Sind Sie nur eingesprungen für Regina Fritsch oder spielen Sie die Rolle weiter?

Nicht generell. Das Stück wird ja auch in Wien gespielt. Aber ich werde den Part in Berlin weiterspielen. Ich freue mich sehr, denn das Theater ist gerade sowas wie Nach-Hause-Kommen.

Dann werden Sie jetzt auch wieder öfter Theater spielen?

Ja, ich denke schon. Gerade fliegen ganz viele Theatertüren auf. Damit habe ich schon gar nicht mehr gerechnet als „Filmschlampe“. Man muss halt sehen, wie man das mit Dreharbeiten, Musik und „Tatort“ koordinieren kann.

Ihr neuer „Tatort“ handelt von empathielosen Jugendlichen, weshalb Ihre Kommissarin schon mal die Fassung verliert. Nun haben Sie selbst eine Tochter in dem Alter: Bewegt das, als Mutter, noch mal anders?

Auf jeden Fall. Weil man sich ja immer Sorgen macht um sein Kind. Ich würde die Mädchen aber nicht empathielos nennen, sondern eher haltlos und verloren. Ich glaube, das ist etwas, was die heutigen Zeiten mit sich bringen. Wo alle nur noch in ihren Computer und auf ihr Handy gucken und man ohne diese Geräte eigentlich schon aus dem System fällt. Meine Tochter kann ja gar nicht glauben, dass meine Generation noch ohne all das aufgewachsen ist. Aber irgendwie ging es damals auch.

Schaut Ihre Tochter eigentlich „Tatort“? Und ist sie stolz auf ihre Mutti?

Sie guckt. Sie liegt gern mit mir vor dem Fernseher rum. Nur nutzt sie gern alle Medien auf einmal, deshalb kriegt sie gar keinen Film mehr in Gänze mit. Aber da kommen dann auch Kumpels zum Gucken, die sind schon neugierig und haben großen Spaß dabei.

Nach drei Folgen: Wie ist eigentlich die Chemie mit Mark Waschke?

Ich würde zitieren wollen: Ich glaube, das ist der Beginn einer wundervollen Freundschaft. Wir können uns prima aneinander reiben, das beschränkt sich aber sehr auf die Arbeit. Das wird von der Figurenkonstellation in den Drehbüchern ja auch gestärkt. Aber wir sind auch sehr verschieden in der Arbeitsweise, das reibt sich ordentlich, aber wir streiten uns kreativ. Ich finde es falsch, wenn man sagt, wer viel streitet, ist schwierig. Ich streite mich ja nicht wegen meines Egos, sondern um der Sache willen.

Ich frage nur, weil wir Sie zu Ihrem ersten Fall ja zusammen trafen. Da schienen Sie sich noch etwas fremd zu beäugen.

Das waren wir ja auch. Und wenn Mark jetzt neben mir säße, würden wir uns immer noch beäugen. Ich kenne ihn jetzt ein wenig besser. Aber seine Art zu antworten, ist mir noch so fremd, dass ich immer noch verblüfft bin.

Ihre Figuren kabbeln sich ja sehr. Zum Schluss dieser Folge wird aber ein zaghaftes „Du“ angeboten. Wohin wird das führen? Werden die beiden einmal händchenhaltend an der Oberbaumbrücke in den Sonnenuntergang gucken?

(lacht) Ich habe keine Ahnung. Aber selbst wenn ich es wüsste, würde ich das jetzt nicht verraten. Mark und ich wollen beide jede Auflösung von Situation tunlichst vermeiden, das ist einfach unspannend. Die Reibung soll bleiben, dafür sind wir ja auch Ermittler im ruppigen Berlin. Es ist ja noch nicht einmal sicher, ob das Duz-Angebot angenommen wird.

Was Ihre Fälle auszeichnet, ist, dass sie horizontal erzählt werden. Dass neben den Fällen immer noch eine Nebenhandlung mitläuft, die unmittelbar an die vorherigen Folgen anknüpft. Überfordert man damit vielleicht ein Teil des Publikums?

Ich habe auch ein wenig die Befürchtung. Ich finde es toll, dass so erzählt wird, aber es ist auch nicht unkompliziert. Amerikanische oder dänische Fernsehserien, die so verfahren, sind komplett bis zum Schluss durchkonzipiert. Bei uns wird aber jede Folge von anderen Autoren geschrieben und anderen Regisseuren inszeniert. Das ist zwar sehr erfrischend, aber wenn man dann noch horizontal erzählt, macht man es sich nicht gerade leicht. Ob das aufgeht, wird sich erweisen. Es wird in der vierten Folge ja eine Auflösung dieser Rahmenhandlung geben.

Bei wechselnden Regisseuren und Autoren: Hat man da mehr Mitspracherecht? Auch mehr Verantwortung?

Ja, das ist so. Weil wir beide ja die einzigen sind, die bei allen Fällen dabei sind. Wir erklären ganz oft, was bisher geschah oder warum ein Satz so nicht stimmt. Und wir sind es, die diese Figuren weiter verantworten müssen. Aber da ist der RBB auch sehr auf unserer Seite.

Ihre beiden Figuren sind ja sehr mit sich selbst beschäftigt. Geraten die eigentlichen Mordfälle da etwas an den Rand?

Finden Sie? Ich mag das, dass die eben ihre Probleme mit sich wälzen. Die sich auch nicht, wie der Mordfall, am Ende einfach auflösen. So ist das Leben ja nicht.

In der letzten Zeit haben einige TV-Kommissare ihren Dienst quittiert, Sylvester Groth beim „Polizeiruf“, Petra Schmidt-Schaller und das ganze Erfurt-Trio beim „Tatort“. Ist das womöglich gar nicht mehr das große ARD-Schlachtross?

Das kann ich nicht für andere beantworten. Für mich war der „Tatort“ ja eh nie das Schlachtross. Es ist kein Geheimnis, dass ich die große Kinoleinwand leidenschaftlich liebe. Und das gibt mir das Fernsehen nicht, das ist nun mal ein ganz anderes Medium. Mir kommt es ein bisschen so vor, als ob ich damit beim Boulevard angekommen bin. Womit ich nicht plumpe Unterhaltung meine. Aber es hat eine gewisse Volksnähe, was ich sehr reizvoll finde. Zehn Millionen Zuschauer, das erreichst du in Deutschland auch mit dem größten Film nicht. Das gibt einem eine große Chance, etwas über Berlin zu erzählen.

Werden Sie seither anders angesprochen in der Stadt, häufiger wiedererkannt?

Ja schon. Viele freuen sich, das sind ganz positive Momente. Das hält sich aber auch in Grenzen. Das ist halt auch Berlin, dass keiner sich drum schert, wenn du irgendwo in einer Kneipe aufschlägst. Und das wirkt sich dann ja auch wieder positiv aus, wenn man Theater spielt oder Konzerte gibt.

Kommen denn jetzt auch andere Rollenangebote als früher?

Nein, das nicht. Aber es kommen eben noch welche. Das war vor 20 Jahren anders, da steckte man als Kommissar in einer Schublade. Damals wäre das das Aus gewesen, früher hätte ich so eine Rolle deshalb auch ausgeschlagen.

Ihre Vorgänger haben 15 Jahre „Tatort“ gemacht. Wie lange, was meinen Sie, werden Sie das tun?

Das kann ich Ihnen noch nicht sagen. Das muss sich halt einschaukeln. Das entwickelt sich eher langsam, das hätte ich gern anders, weil ich gern vorausplanen möchte mit Konzert- und Theaterterminen. Aber wenn das weiter Spaß macht und passt, warum sollte ich dann aufhören?

Sie hatten bisher einen Vertrag über vier Folgen?

Nein, wir haben bereits auf vier weitere Folgen verlängert. Einige Sachen werden in der vierten Folge aufgelöst, andere Fäden werden weitergesponnen. Und wir werden uns weiterhin an unserer Stadt abarbeiten, da bleibt noch genug Reibung.

Genießen Sie es, dass Sie dabei diejenige mit der Berliner Schnauze sind?

(lacht) Ich mache das nur, weil ich tatsächlich so rede. Ich habe die Tendenz, wie ein Bauarbeiter zu reden. Ich kann auch anders, wie Sie ja jetzt hören. Aber in der Farbe hört man das schon, und wenn jemand einen Spruch loslässt, geht das ganz schnell bei mir, wie beim Pingpong. Ich glaube, von daher sind die auch überhaupt erst darauf gekommen, mich zu besetzen. Manche kritteln aber auch, das klänge etwas aufgesetzt. Hm. Rede ich in meinem Alltag also aufgesetzt.