Jazz-Kritik

Verschiedene Temperamente treffen aufeinander

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Matthias Nöther

„Jazz At Berlin Philharmonic“ mit drei Spitzenpianisten

Der Jazz habe in großen Konzertsälen keine Heimat, glaubt so mancher. Dennoch: Schon 2012 besann man sich in der Philharmonie auf die 70er- und 80er-Jahre, als Auftritte etwa von Klaus Doldinger und Keith Jarrett in Hochkultur-Gefilden nichts Besonderes waren, und erfand die kleine Konzertreihe „Jazz at Berlin Philharmonic“. Das jetzt zu hörende Konzert mit drei offenen Konzertflügeln und einem Synthesizer auf der Bühne der erstaunlich gut besuchten Philharmonie ist eine Reminiszenz an jenen Neuanfang, denn bereits im Dezember 2012 waren Iiro Rantala, Michael Wollny und Leszek Możdżer dort zu Gast.

Jetzt, wie damals, sorgt Jazz-Kurator Siggi Loch für eines der wohl interessantesten Erlebnisse der philharmonischen Saison. Dabei müssten die Konzessionen an das Klassikpublikum vielleicht gar nicht so groß sein: Brav wird eine programmatische Abfolge von Kompositionen präsentiert, selbst in den jeweils partnerschaftlichen Interpretationen der drei Männer am Klavier kommt nicht immens viel interaktive Spontanität auf. Erst in „Svantetic“, komponiert vom Polansky-Filmmusiker Krzysztof Komeda im Jahr 1965, reagieren Leszek Możdżer und Michael Wollny intuitiver aufeinander, greifen sich, auf einem einzigen Klavierhocker zwischen zwei Klavieren und dem Synthesizer sitzend, gegenseitig in die Tasten, führen die Figuren des jeweils anderen weiter. Die Intelligenz der gemeinsamen Improvisation, wohl doch immer noch eine Schlüsselkompetenz von Musikern fast jeder Jazz-Richtung, blitzt hier immerhin durch.

Ansonsten handelt es sich vor allem um eine klug ausgewogene Mischung gegensätzlicher Musikertemperamente. Der Finne Rantala darf dabei die Rolle der Urgewalt spielen. Besonders sein Arrangement von John Lennons „Just Like Starting Over“ aus dem Todesjahr 1980 übertrifft den trotzigen Gestus des Originals mit rhythmischem Stampfen, das allerdings elegant mit kantablen Bögen gekreuzt wird. Michael Wollny ist der eingefleischte optische wie akustische Gegensatz dazu: Ein Intellektueller am Klavier, der gleich sein Stück der Wanderer mit einer elaborierten mehrstimmigen Konstruktion beginnt, die allerdings bald von bestens organisiertem Chaos und einer weiten melodischen Ebene abgelöst wird. Während Wollny eher auf die Kraft des schöpferischen Gedankens als auf die Faszination des Augenblicks setzt, besitzt der polnische Jazz-Meister Leszek Możdżer das reichste Sensorium für den Klang als solchen. Effektbewusst setzt er das glasharte, brillante Klangprofil von „She Said She Was a Painter“ gegen die andere Eigenkomposition ab: Im Song „Polska“ mischen sich E-Gitarren-ähnliche Grooves mit einem hellen Scheppern des Klaviers – denn dieses wird hier wie auch sonst an diesem Abend gerne, oft und humorvoll mit Weingläsern, Handtüchern und undefinierbaren anderen Gegenständen wirkungsvoll präpariert.

( Matthias Nöther )