Schriftsteller im Exil

Warum Stefan-Zweig-Film "Vor der Morgenröte" so aktuell ist

„Vor der Morgenröte“ ist nach sieben Jahren ihr zweiter Regiefilm. Er überrascht durch eine radikal andere Form und aktuelle Bezüge.

Ein Leben in der Idylle, im Frieden, und doch ist der Schrecken ominipräsent: Der vertriebene Dichter Stefan Zweig (Josef Hader) in seinem Exil im brasilianischen Petrópolis

Ein Leben in der Idylle, im Frieden, und doch ist der Schrecken ominipräsent: Der vertriebene Dichter Stefan Zweig (Josef Hader) in seinem Exil im brasilianischen Petrópolis

Foto: X Verleih

Er ist in der Fremde angekommen, auf einem anderen Kontinent. Und allein weil er Exilant ist, applaudiert ihm ein ganzer Saal. Eine spontane Geste der Solidarität, die dem Geflüchteten schmeicheln müsste, die ihn aber eher geniert, die ihm unangenehm ist. Das könnte eine Szene aus dem Vorjahr sein, als Massen von Flüchtlingen in Deutschland ankamen und eine beispiellose Begrüßungswelle auslösten. Doch die Szene ist historisch: Sie hat sich 1936 auf dem PEN-Kongress in Buenos Aires zugetragen und ist nun eine Szene aus Maria Schraders Stefan-Zweig-Film „Vor der Morgenröte“.

Ein Puzzle, das der Zuschauer zusammensetzen muss

Es ist dies kein Biopic, kein biografischer Film. Das ist der Berliner Regisseurin ganz wichtig. Der Film handelt einzig von Zweigs Jahren im Exil. Und umreißt ein großes Thema: Da ist ein Mann entkommen, wird überall hofiert und empfangen und findet schließlich sein persönliches Paradies in Petrópo­lis. Und doch kann der Literat diese Idylle, diesen Frieden nicht ertragen.

Weil er ständig an die Heimat denken muss, an die, die es nicht geschafft haben, die noch in Gefahr, wenn nicht schon tot sind. Da steht der große Mann in einer bukolischen Blütenlandschaft, in der traut die Vögel zwitschern, und fragt leise: „Wie soll man das aushalten?“ Am Ende wird er es wirklich nicht mehr ertragen und freiwillig aus dem Leben scheiden.

Der letzte Abschnitt von Stefan Zweigs Biografie liest sich, so findet Maria Schrader, wie „eine allegorische Erzählung über das Exil“. Und so hat sie es auch gestaltet. Die Schauspielerin, die hiermit sieben Jahre nach „Liebesleben“ erst ihren zweiten Regiefilm vorlegt, mag keine Biopics. Auch wenn sie das anders, milder umschreibt: dass in solchen Filmen „die vielen Stationen eines Lebens, die vielen Details, die Verästelungen so ausgedünnt und kleinportioniert verabreicht werden“. So aber sei das Leben nun mal nicht.

Deshalb ist ihre Herangehensweise kein klassisches Stück Erzählkino, sondern eine sehr ungewohnte, betont andere Annäherung. Sie nähert sich in sechs Momentaufnahmen, die den Künstler mal offiziell bei brütender Hitze im Busch von Bahia, mal privat im eiskalten New York zeigen, mit dem PEN-Kongress im September 1936 als Prolog und dem Auffinden der Leichen von Stefan und Lotte Zweig im Februar 1942 als Epilog. Diese Episoden werden in Echtzeit, wie auf dem Theater gefilmt, Prolog und Epilog gar in einer einzigen, langen Einstellung. Das erforderte höchste Konzentration und Choreografie beim Drehen.

Und das verlangt auch dem Zuschauer beim Betrachten höchste Konzentration ab. Denn hier wird nicht immer gleich erklärt, dass die junge Frau neben Zweig dessen zweite Frau Lotte ist und Barbara Sukowa später in New York seine erste Frau Friderike. Die Zuordnungen erschließen sich erst nach und nach, langsam schließen sich die einzelnen Episoden wie zu einem Puzzle, bei dem doch einige Teile fehlen, die sich der Zuschauer schon selbst zusammenreimen muss.

Die Form war der Regisseurin fast so wichtig wie der Inhalt selbst. Und da sie viel auf der Bühne steht, hat sie die Episoden wie lauter kleine Theaterakte inszeniert. Die werden getragen von einer souveränen Regie, einem kongenialen Kameramann, bei dem man fast vergisst, dass da eine Kamera mitfilmt. Und vor allem von einem überragenden, einem großartigen Josef Hader. Der ist ja eigentlich Kabarettist, der nur nebenbei auch mal Filme dreht.

Und da ist nichts, schon gar keine Ähnlichkeit, was ihn für die Besetzung als Stefan Zweig aufdrängen würde, von dem Umstand abgesehen, dass auch er Österreicher ist. Aber, das ist die große Überraschung: Hader trägt, beherrscht diese Szenen. Und verleiht ihnen eine bittere, leise, melancholische Note.

Das Paradies vor Augen, die Hölle im Kopf

„Vor der Morgenröte“ ist auch ein Film über Europa, obschon oder gerade weil keine einzige Szene dort spielt. Da ist einer am anderen Ende der Welt, in Sicherheit, und denkt doch in seiner Empathie die ganze Zeit an die Heimat, sein Europa, sein Ideal, seine Utopie davon.

Es ist dies auch eine Liebesgeschichte. Nicht die Zweigs zu seiner zweiten, schon gar nicht zu seiner ersten Frau. Sondern die von dem großen Dichter und Denker zu seinem Kontinent. Eine Liebe, die ihn, das Paradies vor Augen, aber die Hölle im Kopf, verzweifeln lässt.

Über sechs Jahre hat Maria Schrader an diesem Film gearbeitet. Dass die Geschichte über Zweig hinausgeht „und auch auf aktuelle Situationen von Exil, Heimatverlust und Vertreibung übertragbar war“, war ihr dabei schon klar. Ohne solche Bezüge hätte sie der Film gar nicht gereizt. „Dass er aber in diesem Maße aktuell werden würde, konnten wir nicht ahnen.“

Wenn man ihren Zweig nun sagen hört: „Ein halber Kontinent möchte auf einen anderen flüchten, wenn er könnte“, dann ist das exakt die Situation von heute. Nur dass die Fluchtbewegung diesmal nicht aus, sondern nach Europa führt.

Eins der schönsten und meist gelesenen Bücher von Stefan Zweig sind die „Sternstunden der Menschheit“, in denen der Dichter kleine, historische Anekdoten erzählt und diese Miniaturen doch zu etwas Größerem, Allgemeingültigem erhebt. Etwas Ähnliches gelingt auch diesem sehr eigenwilligen, sehr anderen Stück Kino, das Maria Schrader da erschaffen hat.