Musik-Kritik

Bryan Adams singt ehrfürchtig seine alten Hits

Der kanadische Sänger wird in der Benz-Arena bejubelt

Ganz zum Schluss spielt Bryan Adams in der gut gefüllten Mercedes-Benz Arena „Straight from the Heart“ – einen Song, den er mit 18 geschrieben hat, erzählt er, als er versuchte, sich selbst Klavierspielen beizubringen. Das sei ja erst ein paar Jahre her. Und er grinst dieses Lausbubgrinsen. Die sehr zahlreich Erschienenen lachen, applaudieren. Ein paar Wochen länger muss das alles aber doch her sein, denn Adams sieht man, auf drei Videoleinwände aufgeblasen, seine 56 Jahre an. Sie stehen ihm gut. Wenn der passionierte Fotograf, der Adams auch ist, während des Sets Livebilder in alte Musikvideos hineinschneiden lässt, mit Lederjacke und weißem Rocker-T-Shirt in der Wüste, muss man sagen: Nicht nur seine Frisur ist heute deutlich stilvoller. Auch das schwarze Jackett mit Einstecktuch steht ihm hervorragend.

Adams’ Gesicht hat die Kanten bekommen, die seiner Musik leider hin und wieder abgehen. Zu „It’s only Love“ vom Hit-Album „Reckless“ etwa gleiten Schwarz-Weiß-Bilder von einer dunkelhaarigen Schönheit über die Screens hinter der Bühne. Perfektes Halbdunkel, grobkörnig, und in etwa so aufregend wie Unterwäschewerbung. Ein bisschen so ist es auch mit Adams’ Musik: sehr gut gemacht, aber nicht selten etwas kitschig im Text, berechenbar im Sound.

Damit sind nicht so sehr die größten Breitwandballaden gemeint, die früher jede Kuschelrockparty befeuerten. „Heaven“ von 1985 etwa singt Adams, als wisse er, dass er danach kaum wieder einen so guten Song geschrieben hat – ein wenig ungläubig, ehrfürchtig fast. Erstmal aber lässt er das Publikum singen. Die ganze erste Strophe lang streckt er ihm das Mikro entgegen. „I love it when you sing“ sagt er an diesem Abend immer wieder. Und man glaubt es ihm. Denn so perfekt die Zweieinhalb-Stunden-Show auch gemacht sind, so makellos Band, Licht und Videowände aufeinander abgestimmt, so glatt der Radiosound in die Halle knallt – man kann Bryan Adams nicht vorwerfen, dass er nicht alles gäbe.

Er hat die Rocker dabei: „Kids Wanna Rock“, „The Only Thing That Looks Good on Me Is You“ oder „Go Down Rockin“ vom aktuellen Album „Get up“. Und er hat die Schnulzen dabei: „Please Forgive Me“, „All for Love“, „(Every­thing I Do) I Do It for You“. Und diese sich aufschwingende Melodik, dieses Komplettpathos, aufgefangen von einer Art heiliger Einfalt – die muss ihm erstmal jemand nachmachen.

Bei „18 Til I Die“ stehen sehr viele Menschen jubelnd, Hände in der Luft, die deutlich nicht mehr 18 sind. Oder 28. Oder 38. Und wenn dann Ina, aus dem Publikum von Adams ausgewählt, im Spotlight tanzen darf, und die ganze Halle schaut zu – Ina, die nicht modelmäßig daherkommt, mit jeder Minute aber sexier wird – und sich dazu herausstellt, dass die indigniert dreinschauenden Rentner neben ihr ihre Eltern sind, dann tobt der Saal. „Nette Pointe“, meint Adams. Er hat dem nur scheinbar Durchschnittlichen seinen Auftritt, seine Schönheit gegeben.