Kultur

Das Haus der irren Frauen

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Britta Bode

Hilary Mantel ist längst eine Bestsellerautorin, nun erscheint spät auch ihr Debüt auf Deutsch: „Jeder Tag ist Muttertag“

Gruselig, böse, gnadenlos: Der neu in Deutschland erschienene Roman von Hilary Mantel „Jeder Tag ist Muttertag“ erinnert an die menschliche Hölle der alten Bette-Davis-Filme. Die Geschichte spielt im England der 70er-Jahre. Zwei Frauen, Mutter und Tochter, leben zurückgezogen in einem heruntergekommenen Haus.

Die Mutter war früher als Spiritistin bekannt, sie hat Kontakt zu den Toten hergestellt und leidet jetzt zunehmend selbst unter dem Wahn, die Geister der Verstorbenen besiedelten ihr Haus. Aus einer unglücklichen Ehe stammt Muriel, die grenzdebile erwachsene Tochter, von der niemand so genau weiß, wie viel sie eigentlich versteht. Der Intelligenzquotient soll bei 85 liegen, das Sozialamt kümmert sich um sie, indem es Muriels Teilnahme an diversen Kursen verlangt. Muriel ist kein hilfloses Opfer, das Gegenteil trifft zu. Sie lacht, wenn sich alte Männer auf der Straße durch einen Sturz die Hüfte brechen, und sie klaut, entwendet alltägliche Gegenstände wie einen Dosenöffner, die sie ihrer Mutter als Beweis neuer Aktivitäten der Geister unterschiebt, damit diese sich immer stärker zurückzieht. Dafür wird sogar einmal einem Hund der Knochen geklaut, in ihrer Boshaftigkeit ist Muriel zu einigem fähig.

Das Verhältnis ist von beiden Seiten her mit wenig Liebe gesegnet. An Muriels Geburt erinnert sich Evelyn als langwierigen Akt, bei dem der „Parasit“ sich „alle Mühe gab, da herauszukommen“. Muriel ist eines Tages selbst schwanger, aber wie es dazu gekommen ist, ist ein komplettes Rätsel. Sozialarbeiterin Isabel, die für sie zuständig ist, lässt sich abwimmeln, ist abgelenkt und verliert schließlich für den tragischen Zeitraum einer Schwangerschaft die Akte der Frau. Ohne Akte aber eben keine Aktivität, bedeutet das im Behördenleben. Ein Mechanismus mit fatalen Konsequenzen auch in diesem Fall.

Isabel hat zu Hause einen undefiniert problematischen Vater wohnen, dessen Brille sie gerne mit zur Arbeit nimmt, damit der ans Haus gefesselt ist und sich nicht rumtreiben kann. Sie geht eher zufällig ein Verhältnis mit dem verheirateten Familienvater Colin ein, dessen Schwester im Nachbarhaus der beiden irren Frauen wohnt. Auch diese Affäre ist von wenig herzerwärmender Natur. Colin liebt weder Frau noch Kinder, fühlt sich aber verpflichtet, bei der Familie zu bleiben, insbesondere als seine Frau erneut schwanger wird und sich die Struktur seiner Beziehung zu Isabel ohnehin schon grundlegend gewandelt hat. Aus dem flehenden Werben des verheirateten Mannes um die Zuneigung der jungen Frau, ist das kluge Manipulieren des Ehebrechers geworden, der nunmehr mit der um Aufmerksamkeit winselnden Geliebten und der gekränkten Ehefrau gleichermaßen spielt.

Colin wird seine Macht auch wieder verlieren, er kann und wird nicht glücklich werden, egal wohin es ihn zieht. Macht führt zu Machtmissbrauch, das scheint ein ehernes Gesetz, und darin könnte man auch die Konstante in Mantels Büchern sehen. Denn ob die große Politik im Mittelalter unter Henry VIII. oder der Mikrokosmos der Nachbarschaft im modernen England, für Hilary Mantel ist das menschliche Zusammenleben vor allem eine Frage von wechselnden Machtverhältnissen. Für ihre großartigen historischen Romane „Wölfe“ und „Falken“ um den königlichen Privatsekretär Thomas Cromwell hat sie zweimal hintereinander den renommierten Booker-Preis gewonnen.

„Jeder Tag ist Muttertag” ist ihr in Großbritannien bereits 1985 erschienenes Erstlingswerk, an dem nicht die Geister das Gruseligste sind, sondern das Wissen, dass Mantel nach ihrem Jurastudium selbst eine Zeit lang als Sozialarbeiterin tätig gewesen ist. Bei ihr gibt es keine Küchenpsychologie, keine krampfhaften Erklärungen, die Kälte in der Analyse der menschlichen Beziehungen, das Böse der Charaktere, sie werden bis zum beinahe unerträglichen Ende durchgehalten. Es gibt eine Fortsetzung, „Vacant Possession“ von 1986, die zehn Jahre später spielt, und die es hoffentlich bald ebenfalls in deutscher Übersetzung gibt.