Berliner ensemble

Leander Haußmann zieht sich vom Theater zurück

Gerade inszeniert der Regisseur „Die Räuber“ am Berliner Ensemble. Doch mit Claus Peymann geht auch seine Zeit an diesem Haus zu Ende.

Hier inszeniert er gerade Schillers „Räuber“: Regisseur Leander Haußmann im Berliner Ensemble

Hier inszeniert er gerade Schillers „Räuber“: Regisseur Leander Haußmann im Berliner Ensemble

Foto: Reto Klar

Er kommt mit Schwung um die Ecke. Leander Haußmann rollt auf einem City-Roller aus dem Berliner Ensemble. Hier probt er gerade Schillers „Räuber“, die am Freitag Premiere haben. Jetzt muss er erst mal was essen. Und bestellt in der „Ständigen Vertretung“ Himmel und Erde, also Blutwurst mit Kraut. Er ist, das schiebt der Regisseur gleich warnend voraus, noch im „erregten Probenzustand“. Heißt: Er regt sich schnell auf. Er regt sich, meint er, aber auch schnell wieder ab. Die größte Angst, die er zu haben scheint, ist die, langweilige Sachen zu sagen. Dafür provoziert er viel zu gern.

Berliner Morgenpost: Herr Haußmann, vor kurzem sagten Sie noch, Sie würden gern „Die Räuber“ am BE inszenieren, aber das könnten Sie nicht, weil es da nur eine Frauenrolle gibt und Sie sich sonst „nicht mehr über den Hof trauen“ würden. Jetzt trauen Sie sich aber doch.

Leander Haußmann: (lacht) Deshalb habe ich zuvor „Die drei Schwestern“ gemacht, da kann sich keine beklagen. Davon ist jetzt eine schwanger und die andere krank. Wir haben sehr viel Männerüberschuss am BE. Viel Testosteron. Deshalb: Räuber jetzt oder nie!

War das ein Stück, das Sie immer schon inszenieren wollten?

Ja. Den einen oder anderen Schiller habe ich ja schon gemacht. Mein erster war „Kabale und Liebe“, den habe ich dreimal gemacht, einmal verfilmt. Dann „Fiesco“ und im Schillertheater „Don Carlos“. „Die Räuber“ hat sich nie ergeben. Das hätte ich gern am Schillertheater gemacht, aber da hatte es erst Alexander Lang gemacht.

Auf der BE-Website werden „Die Räuber“ so angekündigt: „Das Stück ist eine Bombe“. Erwartet uns eine Bombenstimmung?

Ich hatte immer etwas Angst vor dem Stück, weil es so zu jugendlichem Getue führt. Und sich in seiner Aktualität immer ein wenig aufdrängt. Mit Interpretationen zur RAF etwa. Wahrscheinlich erwartet man jetzt von mir, dass ich die Isis thematisiere. Aber das interessiert mich alles nicht, ich bin kein Musterschüler-Regisseur, der sich immer meldet und laut ins Publikum ruft, dass das Stück jetzt wieder wahnsinnig aktuell ist. Im Übrigen weiß ich auch gar nicht, was das Publikum mit dieser Information anfangen soll.

Was reizt Sie dann an dem Stück?

Unter anderem macht mir der romantische Gedanke Spaß, in den Wald zu gehen und eine Räuberbande zu gründen. Das ist ein tiefer Kinderwunsch, den jeder mal geträumt hat. Da ist eine pubertäre Wut, die hat bei mir nicht nachgelassen und der möchte ich jetzt im hohen Alter endlich mal Ausdruck verleihen. Früher war ich doch auch so ein Musterregisseur, der gern mal den Finger in die Luft gehoben und gerufen hat: „Herr Lehrer, das ist ja ganz aktuell...!“ Der Großteil des Feuilletons scheint ja auf solche Sachen zu stehen. Mein Kollege Lilienthal, der die Münchner Kammerpsiele übernommen hat, macht jetzt sogar Flüchtlingswochen. Das ist übrigens derselbe, der kürzlich gesagt hat, die „Drei Schwestern“ interessieren heute nicht mehr. Aber nicht mit mir. Wenn ich was Aktuelles will, schlage ich die Zeitung auf.

Nervt Sie ein solcher Aktionismus?

Mich nervt vor allem Humorlosigkeit. Sowas kommt ja oft wahnsinnig humorlos daher. Und der Gipfel der Humorlosigkeit ist die Annahme, man könnte im Theater so viel Öffentlichkeit erreichen, dass die Flüchtlingsdiskussion oder andere Problematiken gelöst werden. Wir wissen mittlerweile, dass sowas Quatsch ist. Die Leute, die ins Theater gehen, sind doch in der Regel aufgeklärt. So ein aktionistisches Theater, das ist sicher ganz ehrenwert, ich will’s nicht generell ablehnen, aber es schmort halt in seinem eigenen Saft, wenn man sich dabei gegenseitig auf die Schulter klopft und sagt, wie toll man doch ist. Was ist der Anlass von Theater? Sich nur auf die Zeit einzulassen, in der wir leben, ist ein bisschen langweilig. Stellen wir mit dem Theater nicht auch die großen Menschheitsfragen, mit großen Texten, universal und kosmpolitisch? Merken Sie, ich werde alt. Ich meckere über die Moderne.

Für viele war „Die Räuber“ Pflichtschullektüre, die einem Schiller fürs Leben versaut hat.

Bei mir nicht. Erstens hatte ich eine gute Deutschlehrerin und zweitens bin ich in einem Schauspielerhaushalt groß geworden. Ich wollte irgendwie immer so sprechen wie diese künstlichen Figuren, weil man sich damit abseits stellen konnte von der vereinfachten Agitpropslprache, von der wir ständig umgeben waren. Das hat viele Menschen aufgeregt, bis dahin, dass man mir ununterbrochen in die Fresse hauen will. Das trag’ ich so mit mir herum. Und manch einer tut’s ja auch. Physisch oder psychisch. Aber ich mag das auch mittlerweile. Es gibt mir so ein Alleinstellungsmerkmal.

„Die Räuber“ ist das klassische Sturm- und-Drang-Stück. Sehen Sie sich noch als Stürmer und Dränger des Theaters?

Nein. Ich weiß nicht, was, ich weiß nicht, wer ich war. Er ist mir fremd, der junge Mann von damals. Und so muss es auch sein. Aber was halt immer war bei mir, damals schon, glaube ich mich zu erinnern, aber auch heute: dass ich den Unterhaltungsaspekt von Theater immer sehr stark hervorhebe. Und da ist der Schiller ja auch an meiner Seite, mit seiner im Grunde trivialen Story. Hätte ich das in Bochum inszeniert, hätte ich das wahrscheinlich noch mit meinem eigenen Vater getan. Vielleicht so als späte Vater-Sohn-Psychotherapie. O Gott, was für eine Vorstellung. Auf jeden Fall hätte ich die Perspektive der Söhne eingenommen. Jetzt interessiert mich natürlich mehr, was hat der Vater falsch gemacht.

Nächstes Jahr geht Claus Peymann vom BE. Ist das auch das Ende von Leander Haußmann am Schiffbauerdamm?

Ich möchte kurz in meine Blutwurst beißen, um etwas Zeit zu gewinnen für die Antwort. Das BE ist weltweit das schönste Theater, das ich kenne. Und ich bin, ob ich das nun mag oder nicht, Teil dieser Peymann-Ära. Aber ich liebe auch Abschiede. Für mich sind Abschiede oft schöner als Anfänge. Die Vorstellung, länger als fünf Jahre an einem Theater zu sein, ist schon bedrückend für mich. Ich bin ja jemand, der immer ins Versteck zurückgeht und daraus wieder hervorspringt, weil ich mich nicht gern festlegen lasse. Mein größter Lebenscoup war wahrscheinlich, nicht vollständig vom Theater und der mitunter unseligen Verquickung von Feuilleton und Politik aufgesogen zu werden. Ich mache auch Filme und schreibe Bücher. Deshalb bin ich nicht von dem Establishment abhängig, und das gefällt mir.

Was wäre gewesen, wenn man Ihnen die Intendanz des BE angetragen hätte?

Das ist eine Frage, die sich mir nie gestellt hat. Auch wenn einige mich ins Gespräch gebracht haben. Ich hab mich da eine ganze Weile still gehalten. Ich wusste schon, dass ich das nicht machen wollte, aber dass mich zumindest ein paar als Möglichkeit sahen, dass ich es vielleicht auch könnte, das hat meiner Eitelkeit schon sehr geschmeichelt. Übrigens hat Peymann diese Möglichkeit auch bei Wowereit gepitcht, worauf der laut Peymann einen solchen Gedanken kategorisch vom Tisch wischte, wegen meines Einsatzes gegen den BER. Das zum Thema Meinungsfreiheit.

Nun geht 2017 nicht nur Peymann, auch Castorf wird gegangen. Ist das eine Zäsur, geht da für die Berliner Theaterlandschaft eine Epoche zu Ende?

Nicht nur für Berlin. Da geht die Epoche der Künstler, die Theater leiten, zu Ende. Die Verrückten sterben aus, und Sie weden mir ja sicher recht geben, wenn ich sage, Peymann und Castrof sind Verrückte. Ich fürchte, dass die Politiker sich in Zukunft nicht so gerne mit diesen Verrückten umgeben werden. Deswegen werden sie sich für sicherere Optionen entscheiden, die sie direkt aus der Mitte entscheiden. Das werden wohl eher Manager als Künstler sein. Politiker gehen in der Regel nicht ins Theater. Die kennen das nur aus zweiter Hand. Und wenn es dann um eine neue Intendanz geht, setzt ein Lobbyismus ein, eine Mischung aus Gerüchten, Zahlen und Feuilleton. Mein Großvater wurde ja noch von Helene Weigel engagiert, und die wurde weit über ihren Tod hinaus als Intendantin verehrt. Ich werde mich jetzt für eine ganze Weile aus dem Theaterbusiness zurückziehen. Ich glaube aber, dass die Zeiten sich immer wieder korrigieren. Wenn die Manager alle Scheiße bauen, dann wird man wieder Künstler dazu berufen, Theater zu leiten. Dann bin ich aber wohl schon tot. Merken Sie, wie oft ich in diesem Gespräch von früher gesprochen habe? Sie sehen, ich werde alt.

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