Filmfestival

Goldene Palme adé: Berlinerin geht in Cannes leer aus

Maren Ade galt als große Favoritin beim Filmfestival von Cannes. Doch die Goldene Palme geht an Ken Laoch. Es gibt auch keinen Nebenpreis.

So viele Vorschusslorbeeren, und dann das: Die Jury vergab nicht einen einzigen Preis an den Film von Maren Ade.

So viele Vorschusslorbeeren, und dann das: Die Jury vergab nicht einen einzigen Preis an den Film von Maren Ade.

Foto: Clemens Bilan / dpa

Der deutsche Minderwertigkeitskomplex, er schien endlich zu Ende in Cannes. Nach sieben mageren Jahren, in denen kein einziger deutscher Beitrag in den Wettbewerb genommen wurde, durfte die Berliner Regisseurin Maren Ade ihren neuen, fast dreistündigen Film „Toni Erdmann“ zeigen. Und auch noch, welch seltene Ehre, am ersten Sonnabend, einem der wichtigsten Tage des Festivals.

Dann passierte, womit keiner gerechnet hätte. Alle verliebten sich in den Film. Nicht nur die deutsche Delegation. Nein, das komplette Ausland. So schwärmte etwa das US-Branchenblatt „Variety“ von einem „menschlichen, heiteren Triumph“, auch die französische Presse, dem deutschen Kino traditionell nicht so wohlgesonnen, hatte sich fast überschlagen. „Le Figaro“ schrieb eine ganzseitige Eloge und titelte sie (auf Deutsch!) mit „Deutsche Qualität“. „Toni Erdmann“ war die Überraschung des Festivals und bis zum Schluss der Favorit von allen.

Alles aus. Am Ende gab es noch eine Überraschung. Eine sehr traurige. Ades Film ging völlig leer aus. Die erste Goldene Palme an einen deutschen Film seit 32 Jahren, seit Wim Wenders’ „Paris, Texas“, sie schien greifbar nahe. Aber selbst wenn es nicht dazu gereicht hätte: Der Große Preis, die zweitwichtigste Auszeichnung, wäre auch drin gewesen, ein Preis für die beste Regie ebenfalls.

Und da die Hauptdarsteller Sandra Hüller und Peter Simonischek beide begeisterten, hätte man auch hier etwas erwarten können. Dass man allerdings nur wenige Stunden vor der Preisverleihung Sandra Hüller auf dem Flughafen von Nizza auf dem Rückflug nach Deutschland sah, war kein gutes Omen.

Denn die Cannes-Jury um den Hollywoodveteran und „Mad Max“-Regisseur George Miller hat den Film komplett übersehen. Die Goldene Palme ging an „I, Daniel Blake“ von Ken Loach, der seit 40 Jahren ehrenwerte sozialkritische Filme macht. Auch wenn manche Kritiker argwöhnen, dass der britische Altmeister ein bisschen Biss verloren hat und gerade dieses Werk nicht zu seinen besten zählt. Als bester Regisseur wurden gleich zwei Männer ausgezeichnet, der Franzose Olivier Assayas für „Personal Shopper“ und der Rumäne Cristian Mungiu für „Bacalaureat“.

Am letzten Tag des Wettbewerbs mischte der Iraner Asghar Farhadi, Berlinale-Gewinner von 2011, mit seinem neuen Film „The Salesman“ die Karten noch mal neu. Sein Film konnte gleich zwei Preise einheimsen, für das beste Drehbuch (an Farhadi selbst) und für den besten Schauspieler (Shahab Hosseini). Als beste Schauspielerin wurde die Philippinin Jaclyn Jose für „Ma’ Rosa“ ausgezeichnet.

Nach der jüngsten Blamage beim Eurovision Song Contest ist Deutschland schon wieder in einem künstlerischen Rennen abgeschmiert. Auch da gab es ja reichlich Vorschusslorbeeren, auch da bangte man bis zum Schluss, dass das Blatt sich noch mal wenden könnte.

„Toni Erdmann“ hatte immerhin vorab den Kritikerpreis der Internationalen Filmpresse gewonnen. Das wirkt aber wie ein Trostpreis. Und da ist er wieder, der deutsche Minderwertigkeitskomplex.