Berliner Ensemble

Schnaps! Kaffee! Zeitung!

Catharina May debütiert am Berliner Ensemble mit „Bremer Freiheit“. Ein Stück über Aufopferung, Befreiung und vergiftete Getränke.

Krista Birkner als "Geesche Gottfried" und Georgios Tsivanoglou als "Miltenberger" auf der Bühne des Berliner Ensembles

Krista Birkner als "Geesche Gottfried" und Georgios Tsivanoglou als "Miltenberger" auf der Bühne des Berliner Ensembles

Foto: Alexander Heinl / dpa

Ein rundlicher Herr mit Schnauzer sitzt auf einem Stuhl und sagt Dinge wie: Schnaps! Kaffee! Zeitung! Fenster auf! Ruhe! Eine drahtige, dunkelhaarige Frau rennt vor ihm auf und ab. Aus dem Off kreischen Kinderstimmen: Mama – Spielzeug! In der Mitte des Raums steht, auf einer Art Laufsteg, gezackt wie ein Blitz, eine Kaffeekanne aus Blech auf einem Ofen. Daneben eine Reihe weißer Tassen.

So beginnt Catharina Mays erste Inszenierung am Berliner Ensemble: Rainer Werner Fassbinders „Bremer Freiheit“, ein Stück von 1971. Und mit diesem Setting ist das meiste gesagt: Es geht um Unterdrückung, Aufopferung und Befreiung. Und um vergifteten Kaffee.

„Bremer Freiheit“ ist dabei kein Kriminalstück – und das, obwohl zahlreiche Leute auf offener Bühne ermordet werden. Es ist auch kein historisches Stück, obwohl es auf einem Fall aus dem 19. Jahrhundert basiert. Es ist ein Emanzipationsstück und ein Stück über die Ausbeutbarkeit von Gefühlen – Fassbinders Grundthema, wie er selbst betonte.

Amtsanmaßung durch Denken

Die Bremerin Geesche Gottfried vergiftet zwischen 1813 und 1827 fünfzehn Menschen, darunter zwei Ehemänner, ihre Eltern, ihren Bruder und ihre drei Kinder. Sie wird nach drei Jahren Haft 1831 öffentlich enthauptet. 30.000 Menschen schauen zu. Das Stück zeigt sie nicht als Monster, geht vielmehr ihren Motiven nach. Von allen sie umgebenden Männern wird sie als jemand behandelt, der mit Denken so was wie Amtsanmaßung betreibt. Ihr erster Mann, der Herr mit Schnauzer (Georgios Tsivanoglou) behandelt sie sogar schlichtweg wie Vieh.

Er ist der Ausgang dieser Mordserie, und Fassbinders Stück sagt: Hier handelt es sich um Notwehr gegen die Macht der Männer. Drastischer noch als Fassbinders eigene, seltsam psychedelisch verfremdete Verfilmung (Meer rauscht über Blue Screens, vor denen das Ensemble auf einer fast leeren Theaterbühne agiert) werden die knalligen Szenen aneinander geschnitten, dazwischen Schwärze, Livemusik (Julius Heise).

Einfache, zugleich hoch stilisierte Figuren Choreografien. Etwa wenn Greesche in einem Kreis von Männern kniet – einer davon ihr erster, einer dann ihr zweiter Ehemann – und sagen soll: Ich liebe dich. Ich bin scharf auf dich. Und wenn sie es sagt klingt es nicht einmal gelogen. Das ist der Gegenpart der Unterdrückung: die Ausbeutbarkeit. Auch davon muss sich Greesche befreien, während sie sämtliche Vertreter patriarchalischer Strukturen und religiösen Dogmatismus um sich rum aus dem Weg räumt. Sie wird hart, wirft ihr ihr zweiter Mann, Gottfried, einmal vor (sehr gut, ein Fassbinder-Double mit Sonnenbrille: Boris Jacoby). Heute würde man sagen: professionell.

„Ich will mit all dem nichts zu schaffen haben“

Krista Birkner spielt Greesche mit einem Facettenreichtum, der plausibel macht, was das Stück selbst hin und wieder plakativ behauptet: Dass hier jemand kämpft um das simple Recht, eigene Entscheidungen zu fällen, ein eigenes Leben zu leben, und zu lieben, wen und wann sie will. Halb aus Versehen vergiftet sie auch Gottfried, der sie nach Schwängerung verlassen will, da er es angeblich nicht ertrüge, ein eigenes Kind zwischen ihren aus erster Ehe herumlaufen zu sehen. „Ich will mit all dem nichts zu schaffen haben“, sagt er immer wieder. Bindungsangst galore – kein Thema, das 2016 vom Tisch wäre.

Mit jedem Tod, den sie sich aufs Gewissen lädt, wird Geesche wahlloser: eine Art Rachemaschine, die nurmehr der eigenen Verwirklichung nachlebt. Wenn sie sich in einer der letzten Szenen selbst mit Lippenstift Blutspuren auf die Arme malt und dabei von Freiheit schwärmt, hebt Birkner die Figur auf die Fallhöhe einer modernen Medea – konsequent bis zur Selbstvernichtung, aber auch hart am Irrsinn.

Aktuelle Geschichte um Selbstbestimmung

Catharina Mays Inszenierung, die sich etwas stark an Robert Wilsons Ästhetizismus orientiert, wird durch ein fulminantes Ensemble austariert: Joachim Nimtz spielt den Vater virtuos zwischen alterweise und Despot, Ursula Höpfner-Tabori brilliert als strenge, verhärmte Mutter und Axel Werner als Pater spielt fast alle an die Wand, in einer ganz kurzen Szene, kühl und komisch zugleich. Und auch das Entblößen vom zeitlichen Dekor, das in Fassbinders Verfilmung sehr theatral-präsent ist, durch Karl-Ernst Herrmanns Bühne und die Kostüme von Wicke Naujoks, tut dem Stoff gut.

Denn erschreckend, wie aktuell diese Geschichte um weibliche Selbstbestimmung in einer Welt aus Macht und Dummheit noch immer ist. Sicher laufen viele Mechanismen lautloser ab als vor 45 Jahren. Spätestens aber als Greesche sich von ihrem Bruder, aus dem Krieg zurückgekehrt, erzählen lassen muss, sie könne unmöglich als Frau die Firma ihres Vaters leiten, merkt man, wie viel noch zu tun ist, bis solche Inszenierungen vielleicht einmal überflüssig sein werden.