Filmfestival

Spannung in Cannes: Macht „Toni Erdmann“ das Rennen?

Am Sonntag endet das Festival von Cannes. Großer Favorit ist nach wie vor „Toni Erdmann“, der erste deutsche Beitrag seit acht Jahren.

Foto: Pascal Le Segretain / Getty Images

Am Sonntagabend gehen die 69. Internationalen Filmfestspiele von Cannes zu Ende und sie werden vor allem wegen eines Films in Erinnerung bleiben. Die Berliner Regisseurin Maren Ade hat mit ihrer fast dreistündigen Vater-Tochter-Tragikomödie „Toni Erdmann“ für Furore gesorgt und die internationale Kritik begeistert.

Bei der Vorführung hatte es mehrfach Szenenapplaus gegeben. Ade erzählt in ihrem Film von einem Alt-68er Vater, der überraschend seine Tochter in Bukarest besucht, wo sie sich als Unternehmensberaterin in einer männerdominierten Branche durchsetzen muss.

Selbst „Le Figaro“ schwärmt von „deutscher Qualität“

Ihr ist seine Anwesenheit peinlich, weil er mit seiner unbeholfenen Art und den lauen Scherzen so gar nicht in ihre steife Geschäftswelt passt. Bis der Vater beginnt, sich zur Kunstfigur Toni Erdmann zu verkleiden und seine Tochter damit langsam aus der Reserve lockt.

Verblüfft hat die internationale Presse nicht nur, dass die Deutschen komisch sein können, sondern vor allem, wie präzise und leicht Ade das Wechselbad der Gefühle zwischen Fremdschämen und Empathie, zwischen Lachen und Weinen, gelingt.

Beim Kritikerspiegel der Branchenbibel Screen hat der Film bei den Bewertungen sogar den Allzeitrekord gebrochen, die wichtigste französische Tageszeitung „Le Figaro“ betitelte ihre ganzseitige Hymne mit zwei deutschen Worten: „Deutsche Qualität“. Inzwischen ist der Film trotz seiner Überlänge europaweit verkauft, inklusive Frankreich und Großbritannien, und sogar in die USA und Teile Asiens.

Sollte „Toni Erdmann“ seinen Triumphzug seit der Weltpremiere vor einer Woche heute Abend tatsächlich noch mit der Goldenen Palme krönen, wäre es der erste deutsche Cannes-Gewinner seit Wim Wenders „Paris, Texas“ vor 32 Jahren.

Denkbar wären aber auch der Regiepreis an die 39-jährige Maren Ade oder ein Darstellerpreis an die großartige Sandra Hüller. Sollte der Film nur für das Drehbuch ausgezeichnet werden, wäre es ein Affront. Kein Wettbewerbsbeitrag reicht an Maren Ades dritte Regiearbeit auch nur annähernd heran.

Konkurrenz aus Rumänien

Doch was wird die Jury unter Vorsitz von „Mad Max“-Macher George Miller palmenwürdig finden? Jim Jarmusch könnte mit seinem Gedichte schreibenden Busfahrer „Paterson“ punkten, eine Ode an die Poesie des Alltäglichen. Stark war auch das rumänische Kino mit Cristi Puius „Sieranevada“ und Cristian Mungius „Bacalaureat“. Letzter erinnert allerdings mit seiner Geschichte um übersorgende Eltern und die rumänische Vetternwirtschaft zu sehr an den Berlinale-Gewinner „Mutter und Sohn“ vor drei Jahren.

Jeff Nichols überzeugte gerade einmal drei Monate nach seinem Berlinale-Beitrag „Midnight Special“ mit einem unaufgeregten und umso bewegenderen Rassendrama. „Loving“ basiert auf einem wahren Fall aus den amerikanischen Südstaaten Ende der 50-er: ein einfaches Paar aus der Arbeiterschicht, ein weißer Maurer und seine afroamerikanische Frau, deren Ehe von der Justiz nicht geduldet wird. Ihr Gerichtsprozess wird ein Jahrzehnt später die schwarze Bürgerrechtsbewegung verändern. Ein ganz starker Film zur richtigen Zeit.

Einen Nerv that auch der brasilianische Beitrag „Aquarius“ getroffen, in dem sich eine Rentnerin gegen den Baukonzern zur Wehr setzt, der sie aus ihrer Wohnung werfen will. Bei der Premiere protestierte das Filmteam gegen die Absetzung von Brasiliens linker Präsidentin Dilma Rousseff und sorgte damit für einen fast Berlinale-würdigen Politmoment. Chancen auf einen Preis hat auch „The Salesman“ des Iraners Asghar Farhadi, der bereits mit „Nader und Simin – Eine Trennung“ 2011 den Goldenen Bären in Berlin gewann.

In seinem neuen Drama verknüpft er sehr subtil den Vertrauenskonflikt eines Ehepaares mit der Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, in dem die beiden Ehepartner mitspielen. Farhadis Film, der erst am Samstag Premiere feierte, könnte in letzter Minute „Toni Erdmann“ noch gefährlich werden.

2016 war alles in allem ein guter Jahrgang, auch wenn gegen Ende die Luft etwas raus war, etliche mit Spannung erwartete Filme von Cannes-Lieblingen doch enttäuschten und zum Teil sogar ausgebuht wurden. Das 27-jährige kanadische Wunderkind Xavier Dolan hat sich mit seinem bereits fünften Film, der schrillen und geschwätzigen Theateradaption „Juste la fin du monde“ selbst entzaubert. Und das dänische Enfant Terrible Nicolas Winding Refn lieferte mit „The Neon Demon“ einen zynischen Schocker über Topmodels, die für Schönheit und Aufmerksamkeit buchstäblich über Leichen gehen. Hinter seinen grellbunten Oberflächen herrscht aber außer Misogynie nur gähnende Leere.

Der Tiefpunkt des Festivals war dann am Freitag der neue Film von Sean Penn. In „The Last Face“ spielen Charlize Theron und Javier Bardem zwei Ärzte, die in Kriegsgebieten wie Liberia und dem Sudan Menschenleben retten und sich dabei ineinander verlieben. Aber wie Sean Penn die Gräuel bloß als Hintergrundrauschen für diese zum Scheitern verurteilte Liebe einsetzt, ist einfach nur obszön.

Sehr viel spannender war da die anschließende Pressekonferenz, bei der sich das Ex-Traumpaar Charlize Theron und Sean Penn weit voneinander entfernt keines Blickes gewürdigt hat. Vor einem Jahr waren sie genau hier noch schwer verliebt zusammen über den Roten Teppich gelaufen. Triumph und Tragik liegen in diesen Tagen an der Croisette sehr nah beieinander.