BAP in Berlin

Schmachten, Schwitzen und "Verdamp lang her"

Lebenslänglich BAP. Beim Konzert im Tempodrom erzählt die Band ihre Geschichte. Ein kölscher Abend - mit Domgeläut und Straßenkarneval.

Wolfgang Niedeckenwährend des Konzerts. Es ist die  Jubiläumstour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum

Wolfgang Niedeckenwährend des Konzerts. Es ist die Jubiläumstour zum 40-jährigen Bühnenjubiläum

Foto: POP-EYE / Ben Kriemann / POP-EYE

Es sind diese grässlichen gefliesten Häuser. Die rechteckigen Fliesen, die früher mal weiß waren und jetzt grau sind vom Dreck. Oder gelb, je nachdem ob man sie von oben oder unten anschaut. Ganz Köln ist vollgekachelt mit diesen Nachkriegsfliesen. Die Fliesen, die Stadt, zuerst schrecklich, nicht mal das Unecso-Weltkulturerbe am Bahnhof, kann da was retten. Und ganz plötzlich ist man verliebt.

Mit BAP verhält sich das genauso. Der bescheuerte Dialekt. Versteht man doch gar nix. Und dann ist der erste Song noch nicht mal halb vorbei, und er hat dich doch, der Wolfgang.

Niedecken war am selben Gymnasium wie Studienfreunde, dass wird gerne und stolz erwähnt. In den Schulfluren des alten Gymnasiums hängen noch seine Kunstkurs-Werke. Aber auch diejenigen, denen kölsche Fassaden, der Dom und das Rheinbacher-Gymnasium völlig gleichgültig sind, sind heute hier.

Köln ist nicht Berlin, und Bap ist nicht nur Köln. Es ist voll im Tempodrom – und bestuhlt. Passt nicht zum Rock, aber Niedecken sitzt selber gerne mittlerweile. Vierzig Plattencover leuchten auf dem Bühnenhintergrund. Lebenslänglich BAP. Sie erzählen ihre eigene Geschichte.

„Lebenslänglich“ heißt das Beste aus vierzig Jahren

Die Dom-Glocken läuten, lässig kommt Niedecken auf die Bühne. Graue Locken, Bart, Jeans, schwarze Jeans-Jacke - die muss er schnell ausziehen, es ist viel zu warm. Er legt drei Finger um sein Mikro. Früher hat er dann die Stange rangezogen, braucht er jetzt nicht mehr zu machen, sie neigt sich schon zu ihm. „Frau ich freu mich“ – schon singen alle. Nach zwei Songs, die Begrüßung.

„Lebenslänglich“ heißt Niedecken spielt das Beste aus vierzig Jahren. Die Band benannt nach dem Spitznamen des Vaters, dem Inhaber eines Lebensmittelgeschäfts in der Kölner Südstadt. „Verdamp lang her“, das Stück für ihn, geschrieben kurz nach dem Tod, singt Niedecken seit 35 Jahren. Der Song kommt noch nicht, erst gegen Schluss, in zweieinhalb Stunden. Drunter machen es BAP nicht, echte Arbeitsmentalität, eingeimpft vom Vater – man muss auch was kriegen fürs Geld.

„Maria Lopez“, „Für ne’ Moment“, „Vision vun Europa“. Gitarrensoli, gnadenlose Percussion, die wunderbare Anne de Wolff von Bratsche bis Trompete. Niedecken erzählt aus den 90ern, wie sie mit BAP bei „Wetten Dass“ aufgetreten sind und Thomas Gottschalk in einem roten Jäckchen nach dem Auftritt kam, um sich selbst zu interviewen. Seitdem Niedecken in der Sendung „Sing meinen Song“ mitmacht, gibt es seine Lieder auch auf Hochdeutsch zu hören. Sozusagen allgemein verständlich, alle loben seine Fähigkeiten als Mensch und als großartigen Texter. „Do kannst zaubre" aus dem Nena-Weichspüler hätte der Mann doch gar nicht nötig gehabt.

„Absurdistan“ ist das einzige Stück, von dem Niedecken aktuell selbst entschieden hat, dass es auch teilweise auf Hochdeutsch gesungen werden muss. Danach „Kristallnaach“, ein krachendes „Arsch huh, Zäng ussenander" – alles immer noch aktuell. Die Liebesliedereinlage im Sitzen. „Do kannst zaubre", Niedecken hat sich ein Handtuch um die Schultern gelegt. Schmachten. Schwitzen. Im Tempodrom ist es wirklich verdammt warm.

Der Fluchtweg ist dann doch versperrt

Nach den Balladen stehen trotzdem wieder alle, der mühsam freigehaltene Fluchtweg im Mittelgang ist jetzt echt versperrt, da kann auch das Sicherheitspersonal nichts mehr machen.

Altersmilde hat sich Niedecken doch noch bereit erklärt, eine ganz offizielle Hymne für Köln zu schreiben. Sie heißt „Dausende vun Liebesleeder“, und im Hintergrund flimmert der Straßenkarneval. Ein als Jungfrau verkleideter Offizieller aus dem Dreigestirn, eine Banane, ein Lego-Kind, literweise Kölsch – Berlin ist ganz weit weg jetzt. Drei Zugaben gibt es, dabei ist das BAP-Best-Off ohnehin sowas wie eine dreistündige Zugabe. „Alles im Lot“, „Amerika“ – ganz klar „Verdamp lang her". Die Band ist jetzt auch das Projekt nach dem Schlaganfall. Mahnen, bedanken, erinnern, lieben. Vor allem keine Zeit mehr verlieren. Niedecken ist jetzt 65.

Dann kommt wirklich das letzte Lied. Man liegt sich in den Armen. Die Band geht ab. Im Juni kommt Niedecken wieder nach Berlin. Niemals gehst du so ganz. Wissen wir doch.