Street Art

Berlin plant ein neues Museum für Graffiti

Kulturstaatssekretär Tim Renner will das Museum für Graffiti und Street Art mit Mitteln aus der Lotto-Stiftung fördern.

Noch eine Baustelle: Das Gebäude an der Bülowstraße 7 soll ab Mitte 2017 das Urban Nation Museum für Urban Contemporary Art beherbergen

Noch eine Baustelle: Das Gebäude an der Bülowstraße 7 soll ab Mitte 2017 das Urban Nation Museum für Urban Contemporary Art beherbergen

Foto: Wolfgang Kumm / dpa

Wer vom Nollendorfplatz zum Büro von Urban Nation in der Bülowstraße 97 geht, passiert erst Brunos („Der wahrscheinlich größte schwule Buchladen in Deutschland“, so die Eigenwerbung), dann ein Wettbüro („seit 1949“) und schließlich einen Markt für „polnische, rumänische und russische Feinkost“. Die Entwicklung der Bülowstraße ist irgendwann in den 80er-Jahren stehen geblieben. Das muss nicht verkehrt sein, mit „Mr. Dead and Mrs. Free“ hat sich ein Plattenladen gehalten, der bereits vor 30 Jahren „State of the Art“ war.

Trotzdem ist die Stagnation in dieser Straße auffällig, während um sie herum sich viel verändert. In der kreuzenden Potsdamer Straße haben sich internationale Galerien angesiedelt, und die Maaßenstraße am Nollendorfplatz war bis zu dem Tag ein lebendiger Raum, bis sich das Bezirksamt entschloss, die Straße in Form einer sogenannten „Begegnungszone“ in eine städtebauliche Albtraumzone zu verwandeln.

Lotto-Stiftung finanziert das Museum

Nun ist an diesem Donnerstag die Presse eingeladen, um den Baustart für das „weltweit einmalige Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art in Berlin“, so die Presseinformation, an der Bülowstraße 7 zu verkünden. Vielleicht hätte man es auch einfach Graffiti-Museum nennen können. Die Lotto-Stiftung finanziert das Museum mit einer Million Euro, zudem vergab sie einen Kredit von 400.000 Euro. Die Eröffnung ist für Sommer 2017 geplant. Das Architekturbüro Graft hat Wechselfassade und Innenraumgestaltung entwickelt.

Mit dem Museum will man ein paar Sachen gleichzeitig erreichen. Der nicht unproblematische Kiez soll aufgewertet werden, ohne natürlich – Gott behüte – zu gentrifizieren. Es soll, wie es Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) formuliert, Kunst „niedrigschwellig“ präsentiert werden, schließlich sei keine Kunst so allgegenwärtig wie Straßenkunst. Zudem passe, so weiter Renner, Street-Art nach Berlin, da die Kunstform in der Zeit, als die Stadt noch mit einer Mauer geteilt war, hier eine besondere Blüte erlebt habe.

Eine Form des Standortmarketings

Dass das geplante Museum eine Form des Standortmarketings sein soll, zeigt auch der Imagefilm, der dem Werbespot von Berliner Pilsner „Berlin. Du bist so wunderbar“ verblüffend ähnelt, nur dass in diesem Fall ein winkendes Kind den Film beendet. Tim Renner bezeichnet das Projekt als „wahnwitzig und wahnsinnig“, wolle man doch etwas aufhalten, was eigentlich verschwinden solle. Und in dem er darauf hinweist, dass es auch eine Aufgabe sei, „legale Flächen“ für Straßenkunst zu schaffen, streift er zumindest das grundsätzliche Problem dieses Vorhabens.

Ist eine Grundbedingung für Graffiti-Kunst nicht, dass sie flüchtig, illegal und außerhalb des staatlichen Einflusses ist? Anders gefragt: Kann eine, wie es in der Presseinformation heißt, „unangepasste Urban Art“ mit Lottomitteln gefördert werden? Oder ist diese Kunstform 2016 in Wahrheit so gefällig, dass die gesamte Veranstaltung eine Nostalgiereise ist?

Musealisiert soll das Werk der US-Fotojournalistin Martha Cooper, Jahrgang 1943, in der Bülowstraße werden. Sie hatte in den 70er-Jahren für die „New York Post“ gearbeitet und dabei einen jungen Graffiti-Künstler kennengelernt, der sie wiederum in die Welt der Tags einführte. Martha Cooper hat die Subkultur in ihren Fotografien festgehalten.