Film

Versagensangst ist für Jodie Foster eine gute Motivation

Jodie Foster will die Schauspielerei nie aufgeben. Aber ihr Herz schlägt für die Regie. Für Filme, die einem die Augen öffnen.

Jodie Foster sprach mit unserer Redaktion über ihren neuen Film „Money Monster“, der in der nächsten Woche in die Kinos kommt.

Jodie Foster sprach mit unserer Redaktion über ihren neuen Film „Money Monster“, der in der nächsten Woche in die Kinos kommt.

Foto: MARIO ANZUONI / REUTERS

Berlin.  Gerade erst hat sie in Cannes zwischen George Clooney und Julia Roberts auf dem roten Teppich gestanden, nun ist Jodie Foster in Berlin, um auch hier ihren neuen Film vorzustellen. „Money Monster“, der nächste Woche ins Kino kommt, handelt von einem TV-Star (Clooney), der in seiner Finanzshow heikle Börsentipps gibt. Bis ein Anleger (Jack O’ Connell), der dadurch ruiniert wurde, den Moderator vor laufender Kamera als Geisel nimmt. Wir trafen die 53-Jährige im ­Hotel Adlon.

Frage: Willkommen in Berlin. Ist lange her, dass Sie hier waren.

Jodie Foster: Das stimmt. Das muss 2007 gewesen sein. Da war ich auch in diesem Hotel. Und ich habe diesmal wieder kaum Zeit. Dabei liebe ich Berlin. Manchmal komme ich ein paar Tage früher. Und ich habe ja mal „Flight Plan“ hier gedreht, da war ich ein paar Wochen hier. Wir haben damals immer nachts gedreht, da hatte ich den Tag über viel Zeit, mir die Stadt anzusehen.

Was hat Sie daran gereizt, einen Thriller über die Finanzkrise zu drehen?

Jodie Foster: Als das Projekt an mich herangetragen wurde, hat noch jeder gesagt, das kann ja nur eine Satire sein. Die Wirklichkeit hat leider gezeigt, dass es anders ist. Ursprünglich spielte das Ganze nur im Fernsehen. Wir haben dann lange daran gearbeitet und das globale Finanzwesen mit hineingetan.

Dann war es vielleicht einmal von Vorteil, dass ein Film so lange dauert? Weil er dadurch immer aktueller wurde?

Jodie Foster: Na, so lange war’s auch wieder nicht. Da habe ich an anderen Filmen noch viel länger gearbeitet. Es dauerte ein paar Jahre, bis ich mit an Bord war. Dann hat es natürlich gedauert, bis das Skript fertig war. Und dann musste man den Film besetzen. Als George zusagte, ging es aber ziemlich schnell.

Wie haben Sie ihn dazu gebracht, mit Goldzylinder, dicker Dollarkette und Dance Girls ein Tänzchen auf den Finanzmarkt hinzulegen?

Jodie Foster: Das hat er selbst vorgeschlagen. Als es darum ging, wen man in dieser Rolle besetzen sollte, war er der Erste, der mir in den Sinn kam. Wer sonst könnte einen solchen Charakter spielen, der ja eigentlich nicht sympathisch, eher schmierig und zynisch ist, der seine Würde verliert und bei dem man dennoch bei der Stange bleibt?

Die Regisseurin seiner TV-Show spielt Julia Roberts. Stimmt es eigentlich, dass Ihnen damals ihr Part von „Pretty Woman“ zuerst angetragen wurde?

Jodie Foster: Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Ich höre das auch immer wieder, aber ich kann mich wirklich nicht erinnern.

Wie sehr kennen Sie sich in der globalen Finanzwelt aus?

Jodie Foster: Ich habe natürlich eine Menge gelesen. Aber ich kenne das auch aus eigener Erfahrung. Mein erster Regiefilm „Das Wunderkind Tate“ wurde wie „Das Schweigen der Lämmer“ von Orion produziert, die im selben Jahr, als mein Film herauskam, bankrott ging. Das hat mir wirklich die Augen geöffnet. Ich musste da plötzlich nach Alternativen suchen und mich zwangsweise einfuchsen. Natürlich ist das alles total verwirrend. Aber es soll ja auch verwirrend sein, damit die, die diese Verwirrung steuern, noch mehr davon profitieren.

Würden Sie Ihren Film politisch nennen?

Jodie Foster: Nun, ich bin kein politischer Mensch. Alles, was ich will, ist Filme machen. Aber ich will schon Filme machen, die relevant sind und den Leuten die Augen öffnen. Ich denke, das tut der Film.

Die meisten Filme, die von der Finanzkrise handelten, „Wolf of Wall Street“, „Margin Call“ oder „The Big Short“ zeigten die Welt der Banker, also der Täter. Hat Sie das an dem Stoff gereizt: einmal die Opfer, die Verlierer zu zeigen?

Jodie Foster: Wir zeigen schon alle Seiten. Aber ja, im Zentrum steht ein klassischer Jedermann, der sein ganzes Leben hart für sein Geld geschuftet hat, der einmal investiert in eine Sache, von der ihm gesagt wird, dass sie vollkommen sicher sei, und über Nacht ruiniert ist. Es gibt aber auch andere Filme wie etwa „99 Homes“, der auch dieses Jahr herauskam und Verlierer der Immobilienkrise zeigt.

Der kam bei uns aber nur auf DVD heraus. Die Welt der Täter ist offensichtlich reizvoller für einen Kinostart.

Jodie Foster: Die Finanzwelt ist heute mehr in den Nachrichten als früher. Aber es hat doch ständig eine neue Blase und ständig einen neuen Crash gegeben. Wir haben seit 2008 viele Regulierungen, um eine neue Finanzblase zu verhindern. Aber das zwingt die Leute, woanders nach ihrem Profit zu suchen. Das passiert gerade weltweit, und das ist wirklich gefährlich.

Ist es nicht eigentlich erstaunlich, dass die Opfer dieser Crashs nicht viel häufiger, wie in Ihrem Film, aufbegehren?

Jodie Foster: Es geht im Film um eine Computerpanne. Das ist ein unerklärliches Phänomen. Vor einigen Jahren legte eine technische Panne die Stromversorgung der gesamten Ostküste für zwei Tage lahm. Bis heute weiß keiner, wie das geschehen konnte. Und vor drei Jahren traf es die Börse in Chicago, da gingen in neun Minuten Milliarden Dollar verloren. Wir erleben das immer häufiger, weil unsere Welt zunehmend von Technologie gesteuert wird. Nur versteht das keiner, und es gibt da auch niemanden, gegen den man protestieren kann. Das passiert auch immer häufiger in Ländern, die politisch völlig instabil sind. Was wird dann passieren?

Sie haben kürzlich in der „New York Times“ gesagt, Sie hätten immer noch Versagensängste. Wie kann das sein, nach all den Jahrzehnten im Geschäft?

Jodie Foster: Nun, es ist da. Aber das kann ja auch eine gute Motivation sein. Ich empfinde Selbstkritik nicht als etwas Schlechtes, es treibt dich an, dich zu hinterfragen, besser werden zu wollen.

Sie sind erfolgreich als Schauspielerin und Regisseurin. Dennoch haben Sie gerade in Cannes geklagt, dass man Regisseurinnen immer noch als großes Risiko einstuft.

Jodie Foster: Nun, ich bin da wohl nicht repräsentativ. Ich bin stärker im System verankert als die meisten. Aber meinen ersten Regie-Film habe ich nur gestemmt, weil ich selber ohne Gage gespielt habe. Es war nett von den Geldgebern, mich zu unterstützen, aber sie hätten nicht viel Geld verloren, das Risiko war also gering. Ich habe über die Jahre viele Kontakte geknüpft. Meine Geschichte ist daher nicht vergleichbar mit all den jungen Frauen, die frisch von der Filmhochschule kommen und Regie führen wollen.

Sie stehen immer seltener vor der Kamera. Geben Sie Ihre Schauspielkarriere allmählich zugunsten der Regie auf?

Jodie Foster: Nein, das werde ich nie aufgeben. Aber es stimmt, ich konzentriere mich immer mehr auf Regie. Meine Kinder sind jetzt älter, die brauchen mich nicht mehr so stark. Die Zeit ist also reif, wieder mehr zu machen.