Deutsches Theater

„Berlin Alexanderplatz“ wird unterkühltes Großstadt-Drama

Sebastian Hartmann inszeniert „Berlin Alexanderplatz“ am Deutschen Theater - und präsentiert Berlins als klinisch reine Großstadt.

Foto: Arno Declair

Eine der größten Lügen des Theaters ist die Behauptung, dass die Dramatisierung eines dicken Romans dem Zuschauer die tage- oder wochenlange Lektüre erspare. Das Gegenteil trifft eher zu.

Ohne das Studium der Vorlage erschließen sich die meisten Bühnenbearbeitungen nicht. Jüngste Beispiele sind die Schaubühnenproduktion „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ und „Berlin Alexanderplatz“. Sebastian Hartmann hat Alfred Döblins Jahrhundertroman auf die Bühne des Deutschen Theaters gebracht, am Donnerstagabend hatte die viereinhalbstündige Inszenierung Premiere. Sie beginnt stark.

Menschen, die Männer mit Hüten und Anzügen, bewegen sich stumm, aber wild gestikulierend auf der halbdunklen, weißen Bühne. Ein Großstadtpanorama. Einer schält sich heraus, erzählt von dem ehemaligen Zement- und Transportarbeiter Franz Biberkopf, der aus dem Gefängnis entlassen wurde, wo er vier Jahre einsaß, weil er im Jähzorn seine Geliebte, die Ida, erschlagen hat. Jetzt will er anständig sein. Aber das Schicksal ist mächtiger. Er kämpft, wird niedergeschlagen, rappelt sich auf, einmal, zweimal, aber irgendwann fehlt ihm dann die Kraft.

Es geht zur Sache

Biberkopf zieht eine Metallkiste über die Bühne. Sie scheint verdammt schwer zu sein. Andreas Döhler, der die Hauptfigur mit Berliner Schnauze und Komik großartig spielt, verändert blitzartig seinen Gesichtsausdruck – und alles sieht ganz leicht aus.

In dem Behältnis liegt Minna, die Schwester von Ida. Natürlich will Franz nicht nur auf einen schnellen Kaffee vorbeikommen. Sein Besuch bei einer Prostituierten verlief unbefriedigend, jetzt macht er sich an Minna (Katrin Wichmann) ran. Die ziert sich – anders als in Döblins Roman, wo diese Szene eher den Charakter einer Vergewaltigung hat – nur anfangs, Decke und Kopfkissen sind ja praktischerweise ebenfalls in der Kiste. Und dann geht’s zur Sache. Sie möchte ihre Position wechseln, weil die Knie schmerzen, ist einem abschließenden Quickie nicht abgeneigt und drängt Franz schließlich raus, weil ihr Mann jeden Augenblick zurückkommen könnte.

Der Regisseur interessiert sich kaum für die Figuren

Der Abend gliedert sich in drei Teile wie das Triptychon, das zentrale Element im weißen Bühnenraum, der Assoziationen an eine Kathedrale hervorruft. Auf drei fahrbaren Podesten, die je nach Bedarf hin- und her- und zusammengeschoben werden, sind zahllose Neonröhren montiert und ein rotes Lichtkreuz. Auf dem Altar wird der Roman geopfert. Hartmann, der auch die Bühne gestaltet hat, benutzt die Vorlage als Steinbruch, verzichtet weitgehend auf klare Rollenzuweisungen und erzählt eher assoziativ als chronologisch, was die Verständlichkeit erschwert. Wenn das Ensemble mit den Händen Pistolen andeutet und erst aufeinanderlos und dann zu Boden geht, dann könnte es sich um die sehr verknappte Razziaszene aus dem Roman handeln, in der Franz Biberkopf festgenommen wird.

Im Mittelteil stellt sich ein Déjà-vu ein. Hartmann schickt mit Felix Goeser einen zweiten Biberkopf ins Rennen, der scheinbar noch einmal alles aus dem ersten Teil durchmacht, den Sex eingeschlossen. Allerdings heißt die Frau jetzt Mieze – aber eigentlich, sagt sie, lebt sie ja gar nicht mehr. Weil der Reinhold sie in Freienwalde umgebracht hat. Das erzählt sie beim gemeinsamen Besäufnis. Sie fällt von der Bühne, als Franz mal eben um den Block geht, um neuen Schnaps zu holen. Als er zurückkommt, tritt Goeser an die Rampe und fragt ins Publikum, ob jemand die Mieze gesehen hat? Willkommen im Kasperletheater.

Aufgeblasene Religionssymbolik

Der Reinhold (Edgar Eckert) stottert, ist aber ein brutaler Typ. Hat den Franz bei einem Bruch aus dem fahrenden Wagen geworfen, der hats überlebt, aber dabei einen Arm eingebüßt. Der Freundschaft zwischen den beiden hat das nicht geschadet. Franz hat dem Reinhold die Frauen abgenommen, weil der mit den Weibern immer Schwierigkeiten hatte. Erst war er scharf auf sie, dann ganz schnell gelangweilt von ihnen.

Die Figuren jenseits von Biberkopf aber interessieren den Regisseur kaum. Man denkt sehnsüchtig an die „Alexanderplatz“-Verfilmung von Rainer Werner Fassbinder, an Gottfried John in der Rolle des Reinhold, an Pums, an Eva und Herbert, die Franz nach seinem Unfall aufgenommen und unterstützt haben, und die bei Sebastian Hartmann gar nicht auftauchen. Abstraktion statt Atmosphäre. So klinisch rein wie in Hartmanns Inszenierung ist die Stadt eigentlich nur beim Wohnungsvermietungsportal Airbnb.

Der Schlussteil ist dem Sterben gewidmet. Biberkopf, den jetzt wieder Andreas Döhler übernommen hat, ist in der Irrenanstalt Buch und hat mit seinem Leben abgeschlossen. Ein kleines Tänzchen mit dem Tod (Almut Zilcher) ist noch drin, ansonsten zelebriert der Regisseur das Finale mit aufgeblasener Religionssymbolik. Jesus nackt, der Erzähler (ein starker Auftritt von Moritz Grove) auf dem Kreuz. Nach Madonnas Bühnenflirt mit dem Kreuz möchte man so etwas auf einer Bühne eigentlich nicht mehr sehen.

Analogien zu „Krieg und Frieden“

„Berlin Alexanderplatz“ im Deutschen Theater erinnert fatal an Hartmanns Inszenierung von Lew Tolstois Roman „Krieg und Frieden“, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war: Einem beeindruckendem Auftakt folgte ein mäßiger Mittelteil und beim ermüdenden Finale waren viele Zuschauer längst gegangen.

Die Aufführung fand damals in der Volksbühne statt, dort hat Hartmann am Anfang seiner Karriere mit Ibsens „Gespenstern“ eine seiner besten Inszenierungen gezeigt. Er wurde sogar mal als Nachfolger von Frank Castorf gehandelt, aber nach seinem Intendanzfiasko in Leipzig dürfte das Thema gegessen sein. Und für die Volksbühne gibt es mit Chris Dercon einen Nachfolger; eine Fortsetzung der Geschichte des Hauses war ja kulturpolitisch unerwünscht.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, 28441221. Nächste Termine: 16., 22.5. und 5., 19.6.