Ausstellung in Berlin

William Kentridge zeigt im Gropius-Bau sein sinnliches Werk

William Kentridge ist Südafrikas berühmtester Artist und Exportschlager. Seine Werke sind jetzt im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

William Kentridge DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 11.05.2016 William Kentridge, suedafrikanischer Kuenstler, mit Hut waehrend der Eroeffnung seiner Ausstellung NO IT IS ! -

William Kentridge DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 11.05.2016 William Kentridge, suedafrikanischer Kuenstler, mit Hut waehrend der Eroeffnung seiner Ausstellung NO IT IS ! -

Foto: imago stock&people / imago/IPON

Er schreitet das Blatt Papier ab, hin und her. Blick gesenkt, Brille tief auf der Nase, schon klar, er grübelt das Grübeln eines Künstlers, dessen Papier weiß und leer ist. Der Genius lässt warten, wie furchtbar, der Künstler ist ziemlich angestrengt.

Plötzlich ploppt eine gezeichnete Figur auf das Blatt, um im nächsten Augenblick als Animation schon wieder vom Papier zu springen. Das Blatt auf der riesigen Videoleinwand ist wieder leer. Der Künstler geht wieder auf und ab. Heranfliegende Papiere werden von ihm rücklings aufgeschnappt – die Dinge bekommen ein surreales Eigenleben.

Der Künstler hüpft und tanzt im Daumenkino

Der Künstler im Video heißt William Kentridge, ist zweifelslos Südafrikas berühmtester Artist und Exportschlager auf zahlreichen Biennalen und der Documenta, in Europa ebenso ein Star. Selten, dass ein Künstler sich so in die Karten schauen lässt wie jetzt der Südafrikaner in seiner furiosen Gesamtschau „No it is!“ im Martin-Gropius-Bau. In zwei Räumen des Gropius-Baus hat er seine Werkstatt aus Johannesburg als eine Art Wunderkammer eingerichtet – wir sehen das Making of seines multimedialen, technisch zum Teil aufwendigen Oeuvres. Skizzen, Vogel-Skulpturen, undefinierbare Gerätschaften, ein Megafon, Zeitungsausschnitte, ein Lexikon, ein Papiernashorn, Kabel, Stifte, ein verschmutztes Kleidchen, das er gerade vor zwei Tagen arrangiert hat – alles flächendeckend an Wänden und auf weißen Studiotischen ausgebreitet. Und mittendrin sehen wir ihn selbst oder sein Alter Ego, etwa wie er, als gezeichnetes Ich, in einem Daumenkino über Hunderte Blätter tanzt, hüpft und springt. Herrlich, welch inspirierendes Tohuwabohu und welche Energie, die aus dieser assoziativen Anordnung verschiedenster Dinge entsteht.

Für Kentridge ist es genau diese „Unordnung, das Nachdenken, das Scheitern und all die anderen Dinge, die zum Entstehen des Bildes geführt haben“. Omnipräsent ist eine dieser alten italienischen Espressokannen, sie dreht sich wie eine Ballerina im schönsten Solo. Man muss wissen, der Künstler ist ein leidenschaftlicher Kaffeetrinker, und so gehört das Kännchen auch im Selbstporträt dazu, wie ein Widergänger geistert es durch die Schau, taucht da und dort wieder auf. Wenn er einen Klecks Koffein verschüttet, skizziert er schon mal damit. Egal ob Tusche oder Kaffee – die beiden Flüssigkeiten sind sein Lebenselixier.

Kentridges Welt ist ein unheimliches Universum in schwarz-weiß, voller Schattentheater – Licht und Dunkelheit wechseln sich in den Räumen ab. Ein bisschen ist es so, als würde sich der Künstler und sein Gast ein kleines Geheimnis teilen.

Überall entdecken wir jede Menge künstlerische Anleihen aus ganz Europa, Picassos frivolen Faun, Goyas Königin, Dürers „Rhinocerus“. Und das Schöne ist: Kentridge zeigt erstmals eine exquisite Auswahl eben dieser seiner Lieblingskünstler im Original, sie gehören in seine Kunstsammlung.

Die damalige Politik der Apartheid, Sklaventum, Armut, ja die Schönheit Afrikas, die wunderbare Musik liegt als Folie über diesen sehr sinnlichen Erzählungen. Kentridge kann man guten Gewissens als Typus des Universalkünstlers erklären, er zeichnet, liest, werkelt, filmt, macht Performances, Opern, Theater und gibt Liederabende. Zunächst studierte er Politik, ehe er bei der Kunst ankam. Manchmal wundert der 61-Jährige sich noch heute über diesen Schritt. Seine Eltern engagierten sich damals als prominente Juristen in der Anti-Apartheid-Bewegung. Als einer der ersten weißen Anwälte verteidigte sein Vater die Aktivisten rund um Nelson Mandela.

Angefangen hat Kentridge mit grob skizzierten Kohlezeichnungen. Er entwickelte sie weiter, indem er sie filmt. Schritt für Schritt bringt er jedes Bild in Bewegung. Da wird mit einem Federpuschel großzügig „gezeichnet“, mit Tusche und einem Lappen gewischt. Man muss es live sehen, wie die Motive in Bewegung geraten und am Ende in einen animierten Film fließen. Rückläufe, Überblendungen und Übermalungen gehören zu seinen Tricks. Der Faszination kann man sich kaum entziehen.

Ab Juli auch bei den Berliner Festspielen

Höhepunkt ist auf jeden Fall seine raumgreifende, 44 Meter lange Filminstallation „More Sweetly Play the Dance“ im großen Saal. Auf monumentalen Leinwänden sieht man eine Prozession vor einer kargen, gezeichneten Landschaft. Die lebensgroß projizierten Schauspieler trommeln und singen und wedeln mit Palmen zur Musik der südafrikanischen Brass-Band. Einige von ihnen ziehen schwere Karren. Ob es ein moderner Totentanz ist oder ein zeitloses Bild für weltweite Flucht – das überlässt Kentridge jedem von uns. Der Titel übrigens stammt aus Paul Celans bekanntem Gedicht „Die Todesfuge“: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ heißt es dort. Kentridge hat übrigens deutsche Wurzeln, wie er in Berlin erzählt.

Das Schöne ist, William Kentridge gibt es im Berliner Doppelpack fast ohne Ende: Ab 5. Juli sind zusätzlich Puppenspiele, Liederabende, „Drawing Lessons“ im Rahmen des Festivals „Foreign Affairs“ im Haus der Berliner Festspiele zu sehen. Bei Dunkelheit wird dann dort die Afrika-Prozession an der Fassade „entlanglaufen“.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, Mi–Mo 10–19. Bis 21. August. Haus der Berliner Festspiele: ab 5. Juli