Kultur

Der Kult-Blog „Notes of Berlin“ startet im Berghain

| Lesedauer: 3 Minuten
Verena Simon

Lässt sich aus einem Haufen Notizen ein ganzer Abend gestalten? Die Premiere der neuen Lesereihe „Notes of Berlin & Friends“, die am Mittwoch in der Kantine am Berghain stattfand, beantwortet diese Frage mit einem Ja. Notes of Berlin ist in erster Linie ein Blog, der lustige Sprüche in der Hauptstadt aufschnappt. „Eine Hommage an all die Notizen, die Berlin tagtäglich im Stadtbild hinterlässt.“ Dahinter steckt Joab Nist. Vor über fünf Jahren hat der gebürtige Bayer angefangen, die tagtägliche Zettelflut abzufotografieren. Mittlerweile haben ihn mehr als 500.000 Einsendungen erreicht, aufgenommen an allen Ecken und Enden der Stadt.

Die Berliner kommunizieren auf eine besondere Art

Beim Leseabend wurde unter dem Slogan „Das wahre Berlin, Episode I“ eine Auswahl präsentiert. „Die Berliner kommunizieren auf eine besondere Art und Weise“, leitete Judith Poznan, Mitarbeiterin der Kiezbuchhandlung Buchbox!, den Abend ein. Dann wurde Zettel für Zettel Notiz davon genommen, was den Berliner bewegt. Es geht um Müllentsorgung, Hundekot, Lärmbelästigung, Fahrraddiebstahl oder Postzustellung. Oft wird dem Nachbarn eine Nachricht hinterlassen („An die Hipster im 2.OG...“), manchmal auch einem Fremden. Ob auf dem PC getippt, per Hand geschrieben oder direkt an die Hauswand gekritzelt – es ist von allem etwas dabei. Auch wenn viele Botschaften wie ein skurriler Scherz klingen, sind sie doch bitterernst gemeint.

Der Berliner versteht bei solchen Dingen keinen Spaß. Beschwerden werden kundgetan, Drohungen ausgestoßen und Beschimpfungen bis zum Gehtnichtmehr. Aber auch Liebesschwüre, freundliche Angebote und Entschuldigungen finden ihren Adressaten. („Liebe Nachbarn, falls ihr euch gewundert habt, was heute früh gegen sieben Uhr für Lärm war. Mein Hängeschrank hat Selbstmord begangen und mein gesamtes Geschirr mit in den Tod gerissen. Entschuldigt bitte.“) Zu den bloßen Notizen liest Nist auch aus seinem Buch „Wellensittich entflogen. Farbe egal“. Es sind die Geschichten hinter dem Gekrakel, die er aufgespürt hat. Da ist beispielsweise Barbara, die ihre Wohnungssuche nach dem Sternzeichen des Vermieters ausrichtet.

Oder Reinhardt, der einen Spinnen-notruf eingerichtet hat. Neben Nist stand auch Christian Huber mit seinem Buch „Fruchtfliegendompteur“ und der Slam-Poet Julian Heun auf der Bühne. Zum Leseabend werden stets ein Autor und ein Special Guest geladen. Doch das Konzept erscheint noch nicht ganz ausgereift. Trotz guter Darbietungen wollte dieser zweite Teil des Abends nicht stimmig ins Bild passen. Die Texte hatten für den Titel der Lesereihe leider zu wenig Berlin-Bezug. Es dürfte noch mehr Kiezkommunikation sein, mehr Berlin an sich. Weitere Notes of Berlin gibt es jedenfalls bei der nächsten Episode, die nach der Sommerpause der Buchbox! geplant ist. Das sollte notiert werden.

( Verena Simon )