Theatertreffen Berlin

In zwei Stunden vom Volksfreund zum Volksfeind

Demokratie-Diskurs und ein hoher Schauwert: Stefan Puchers Ibsen-Inszenierung aus Zürich beim Berliner Theatertreffen.

Futuristisches Retrodesign in Stefan Puchers Inszenierung von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind"

Futuristisches Retrodesign in Stefan Puchers Inszenierung von Henrik Ibsens "Ein Volksfeind"

Foto: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

An Volksfeinden mangelt es ja nicht. Neben „John Gabriel Borkman“ zählt dieses Ibsen-Stück beim Theatertreffen zu den Dauergästen der vergangenen Jahre. Beide Stoffe sind bei den Bühnen sehr beliebt, um eine Antwort auf a) die Finanzkrise („Borkman“) und b) zum Themenbereich Politikverdrossenheit/Raubbau an der Natur („Ein Volksfeind“) zu geben. Dass am Mittwochabend dann neben der Berlin-Premiere des zum Festival eingeladenen „Volksfeindes“ vom Schauspielhaus Zürich auch an der Schaubühne dieses Werk gespielt wurde, mag Zufall gewesen sein. Und lädt dazu ein, beide Inszenierungen zu vergleichen – was dank des ausgeprägten Regietheaters im deutschsprachigen Raum immer spannend ist.

Stefan Pucher ist in Berlin kein Unbekannter, regelmäßig inszeniert er am Deutschen Theater. Zuletzt kam dort, nein, kein „Borkman“, sondern seine „Nora“ heraus. Nicht der Urtext, sondern eine Überschreibung – das scheint momentan en vogue zu sein. Für Puchers „Ein Volksfeind“ hat Dietmar Dath eine neue Fassung erstellt, die dem Ibsen-Plot folgt, aber sprachlich sehr in die Gegenwart holt.

Aus dem beschaulichen Badeort ist eine Musterstadt geworden, in der Transparenz und Bürgerbeteiligung ganz oben stehen. Finanziert wird dieses Demokratie-Experiment durch einen Deal mit einem multinationalen Konzern, der als Gegenleistung per Fracking Erdöl und Gas fördern darf. Das verseucht die Umwelt, der Status als Kurort ist gefährdet. Badearzt Tomas Stockmann, bei Markus Scheumann ein selbstverliebter Idealist, will die Schweinerei publik machen, aber die letztlich opportunistischen Blogger von der lokalen „DEMOnline“ Meinungsplattform knicken ein, nachdem Stadtvorsteher Peter Stockman (Robert Hunger-Bühler) seine ersten Intrigen gesponnen hat und auf die finanziellen Folgen für die Kommune beziehungsweise die Bewohner hingewiesen hat.

Wie immer bei Pucher ist der Schauwert groß. Bühnenbildnerin Barbara Ehnes hat eine Art futuristisches Retrodesign entworfen. Kommuniziert wird auch per Bildübertragung via Handy, Laptops stehen auf Designertischen, für die eine Firma im Programmheft Reklame macht, passend zum Stück ein Beispiel für public private partnership. Den Inhalt von Briefen, ja, von denen ist in der Darth-Fassung tatsächlich noch die Rede, kann man auf der rückwärtigen Leinwand lesen. Verspannungen werden durch kollektive Gymnastikübungen gelockert. Es gibt Live-Musik (Becky Lee Walters) und eine Live-Kamera.

Mit Versprechungen von frischer Luft, kühlen Getränken und Mitbestimmung gelockt, verlässt zum Showdown ein Teil des Publikums den Zuschauerraum und torpediert damit die Aufklärungs-Vollversammlung des Badearztes. Herzlicher Applaus für Stefan Puchers zweistündigen Demokratie-Diskurs. Der Regisseur selbst ließ sich allerdings nicht blicken – nicht mal per echter oder inszenierter Liveschalte.