Festspiele

Furore und Angst beim Filmfestival von Cannes

Woody Allens „Café Society“ eröffnet das Festival. Dabei überrascht Kristen Stewart. Aus Angst vor Terror bleiben viele Gäste weg.

Kaum wiederzuerkennen: Kristen Stewart (M.) mit Schauspielkollege Jesse Eisenberg und Regisseur Woody Allen

Kaum wiederzuerkennen: Kristen Stewart (M.) mit Schauspielkollege Jesse Eisenberg und Regisseur Woody Allen

Foto: Guillaume Horcajuelo / dpa

Drei ist eine Glückszahl, heißt es. Bei Woody Allen scheint es jedenfalls zu stimmen. Bereits zum dritten Mal hat er gestern Abend die Internationalen Filmfestspiele in Cannes eröffnet und sein jüngstes Werk erfüllt ganz offensichtlich die Hoffnungen der Festivalleiter.

In seiner launig-melancholischen Beziehungskomödie „Café Society“ serviert Allen seine allseits bewährten Zutaten: eine turbulente Liebesgeschichte zwischen älterem Mann und jüngerer Frau, Starbesetzung und skurrile Nebenfiguren, ein angenehm einlullender Retrojazzsoundtrack und ein nostalgischer Blick in vergangene Zeiten, diesmal in das Hollywood und New York der Dreißigerjahre. So weit, so hervorsehbar in Allens Obsessionen.

Kristen Stewart so locker wie nie

Was das 47. Werk des mittlerweile 80-jährigen Stadtneurotikers so besonders macht, ist zweierlei. Zum einen hat er nach Scarlett Johansson und zuletzt Emma Stone eine neue Muse gefunden und auf die würde man erstmal nicht kommen. Es ist Kristen Stewart, die mit den „Twilight“-Filmen zum Teenie-Weltstar und danach mit allerlei spröder Filmkunst und grimmig-starrenden Paparazzi-Fotos zum übellaunigen Antistar wurde.

In „Café Society“ spielt sie jetzt die Sekretärin eines Studiobosses, die sich zwischen der Affäre mit ihrem verheirateten Chef (Steve Carrell) und dessen frisch aus der Bronx angereisten Neffen (Jesse Eisenberg) entscheiden muss. Und das überraschende: Stewart ist bezaubernd! Mit ihrem nicht zu erwartenden Charme wickelt sie nicht nur problemlos ihre Kollegen um die Finger, sondern auch die Zuschauer.

Die andere Überraschung ist, wie sehr Woody Allen diesmal in den jüdischen Humor eintaucht. Die besten Momente des Films sind die, in denen die Familie in New York über Schicksal und Tod diskutiert. So deutlich war Allen schon lange nicht mehr, und diese Szenen machen seinen neuen Film zu seinem besten seit Jahren.

Bobby ist ganz klar ein Alter Ego Woody Allens, der sagt selbst in der anschließenden Pressekonferenz, dass er die Rolle selbst übernommen hätte, wenn er im richtigen Alter wäre. Der Regisseur, der seit Jahren mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert wird, hält sich selbst für einen Romantiker. „Auch wenn die Frauen in meinem Leben das nicht immer so sehen.“

Woody Allen will sich nicht messen lassen

Sein Film eröffnet das wichtigste Filmfest der Welt, läuft aber selbst nicht im Wettbewerb. Das liegt vor allem an Allen selbst. „Ich glaube nicht daran, dass sich Kunst messen lässt. Dem einen gefällt mein Film, andere finden ihn langweilig. Es ist eine sehr subjektive Entscheidung!“

Er muss sich wohl sowieso kaum noch Gedanken machen, was Leute von ihm halten. Woody Allen ist längst seine eigene Marke. Auch wenn sein Film dann doch etwas lauwarm vor sich hin plätschert und trotz schöner Momente ein bisschen wie ein entkoffeinierter Milchkaffee wirkt: mit ganz viel Schaum, aber nur wenig Substanz. Es gab freilich auch schon weitaus schlechtere Eröffnungsfilme in Cannes.

Ein Internet-Video mit gegenteiligem Effekt

Woody Allens Star Kristen Stewart geht dagegen einen anderen Weg. Sie war mit ihren platinblonden Haaren und vor allem ihrer aufgekratzten Art kaum wiederzuerkennen und hat genau damit an der Croisette für Furore gesorgt. Wenn dieser nicht zu erwartende Auftakt Maßstab für die nächsten elf Tage ist, muss man sich um Cannes keine Sorgen machen.

Worüber sich Besucher dagegen schon Gedanken machen müssen, ist ihre Sicherheit. Wegen der Anschläge in Paris und Brüssel gibt es weit weniger Gäste als in den Jahren zuvor, und die Security-Spektakel helfen nicht weiter: das Internet-Video, in dem die Dorfpolizei mit Terroristen-Darstellern Räuber und Gendarm spielen, macht vielen eher Angst.