Kultur

Der Rundfunkchor lädt in seine Lounge

Chefdirigent Gijs Leenaars probiert im früheren Krematorium im Wedding ein neues Format

Gijs Leenaars ist seit knapp einem Jahr Chefdirigent des Rundfunkchors. Er gehört zur neuen Dirigentengeneration in Berlin und ist einer, der sein Herz auf der schnellen Zunge trägt. Bei der Jahresvorschau am Dienstag sagt er erst einmal, was er gerade denkt, provoziert, dann mäßigt er das Gesagte ab. Da hält er sich, Jahrgang 1978, also mal für zu jung, oder vielleicht ist Riccardo Chailly schon zu alt? Leenaars freut sich auf die Zusammenarbeit, zur Aufführung kommt das Verdi-Requiem, und er will mit ihm sogar Italienisch reden. Später kommt das nationale Selbstbewusstsein hervor. „Wir Holländer haben vielleicht eine noch strengere Bachtradition ...“, sagt Leenaars und bricht den Satz ab: „Ach, das darf man nicht sagen.“ Ungesagt bleibt es wohl, weil Bach ein deutscher Musikheiliger ist. Auch seines Profichores.

Ein Chorvertreter meint, Leenaars sei schon ein strenger Chef. Leenaars findet das in Ordnung, weil es ja um Höchstleistungen geht. Was er vielleicht ein wenig unterschätzt habe, so der Chorchef, wie kritisch und selbstkritisch der Chor mit seiner künstlerischen Arbeit und den Bedingungen rundum umgeht. Diese Energien müsse man bündeln.

Die Saisonvorschau findet im silent green Kulturquartier im Wedding statt. Das frühere Krematorium bleibt bei allem Kulturwillen ein morbider Ort. Wer, wenn nicht ein Chor kann sich künstlerisch mit Tod und Vergänglichkeit auseinandersetzen, meint Leenaars. Er will hier eine neue Reihe in-stallieren. An drei Abenden pro Saison sollen seine Chorsolisten und ein DJ in die alte Urnenhalle. Der Dirigent setzt auf das beliebte Lounge-Modell. Moderatoren sind Gayle Tufts und Ex-MTV-Moderator Markus Kavka. „Ich werde mich selber einbringen“, sagt Leenaars, „nicht nur als Dirigent.“ Der Holländer hat auch Klavier und Gesang in seiner Geburtsstadt Nijmegen und in Amsterdam studiert.

Insgesamt 52 Konzerte und 29 Konzertprogramme will der Rundfunkchor in der neuen Saison unter 13 Dirigenten an 16 Spielorten geben. Leenaars dirigiert den Saisonauftakt bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten in Neuküstrinchen, bevor es dann gemeinsam weitergeht nach New York und Südamerika auf eine ausgedehnte Gastspielreise.

„Aber das Hauptgeschäft bleibt die große Chorsinfonik“, betont Chordirektor Hans-Hermann Rehberg. Der Chor ist mit dabei, wenn Simon Rattle mit den Philharmonikern Ligetis „Le Grand Macabre“ aufführt, Peter Sellars richtet die Oper halbszenisch ein. Mit Christian Thielemann macht der Chor Bruckners F-Moll-Messe. Beim Deutschen Symphonie-Orchester ist man bei der Uraufführung von Stefan Heuckes „Deutscher Messe“ unter Leitung von Steven Sloane beteiligt. Gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin wird im Silvesterkonzert mit Beethovens Neunter der langjährige RSB-Chefdirigent Marek Janowski standesgemäß verabschiedet. Mit ihm verbinde den Chor eine langjährige Freundschaft, sagt Rehberg. Jetzt, am 22. Mai, findet in der Philharmonie das große Mitsingkonzert mit Schubert und Whitacre statt. Im Mai 2017 steht das Requiem von Maurice Duruflé auf dem Programm.