Klassik-Kritik

Klagegesang mit Trost, Trotz und groteskem Humor

Cellistin Sennu Laine tritt als Solistin vor die Staatskappelle

Zu Lebzeiten noch Geheimtipp, knapp drei Jahre nach seinem Tod schon Publikumsrenner: Erstaunlich schnell wächst der Nachruhm des französischen Komponisten Henri Dutilleux, einer der zahlreichen Einzelgänger der Neuen Musik. An rekordverdächtigen sieben Abenden in zweieinhalb Monaten steht sein zuvor eher selten gespieltes Cellokonzert in Berlin auf dem Plan – und dies durchweg mit hochkarätigen Interpreten. Dreimal war das Werk zunächst im März bei den Philharmonikern zu hören, unter der Leitung von Mariss Jansons und mit dem norwegischen Cellisten Truls Mørk. Nun folgt zweimal die Staatskapelle mit Barenboim und der finnischen Solistin Sennu Laine, bevor es Ende der Woche noch zweimal vom DSO und Gautier Capuçon gespielt wird.

Hatte man bei den Philharmonikern und Truls Mørk noch das Gefühl, einem nicht enden wollenden, ziemlich niederdrückenden sinfonischen Klagegesang beizuwohnen, erzielen Barenboim und Sennu Laine in der Philharmonie eine ganz andere Wirkung. Zwar steht auch bei ihnen der Lamento-Charakter des Werks im Vordergrund, doch sie erweitern es um Trost und Trotz, Wärme und Lebenswut, Zuversicht und sogar grotesken Humor. Dass die Staatskapelle auf feinste Gefühlsumschwünge der Solistin zu reagieren vermag, zeugt von tiefer Verbundenheit. Und tatsächlich: Sennu Laine ist seit 1997 Erste Solo-Cellistin der Staatskapelle. Langanhaltender, dankbarer Applaus hinterher für alle Beteiligten, aber auch für das Werk an sich. Und dies vollkommen zu Recht: Unter Barenboim offenbart sich Dutilleux‘ Cellokonzert endlich als Meisterwerk – nicht zuletzt wohl, weil der 73-jährige Maestro die harmonischen Strukturen klar verständlich hervortreten lässt und darauf vertraut, dass sich das Atmosphärische von selbst ergibt.

Und noch ein Werk gibt es zu entdecken, das sonst nur selten zu hören ist: Debussys komplette „Images“ für Orchester, eine Reise durch englische, französische und spanische Tanzgefilde. Normalerweise erklingt nur der mittlere Teil „Ibéria“ im Konzert, eine Praxis, die bislang auch Barenboim gepflegt hat. Wegen des publikumswirksamen Schlusses und wohl auch, weil es das beste Werk des Zyklus ist, setzt der Dirigent diese Spanien-Hommage ans Ende der ersten Konzerthälfte. Dramaturgisch zugespitzt präsentiert er zuvor die „Gigues“, Debussys Referenz an jene altenglischen Tänze, die bereits im 15. Jahrhundert nachweisbar waren. Barenboim hält die Zügel fest in der Hand, treibt seine Musiker auch in den folgenden „Rondes de printemps“ (Frühlingsreigen) weitblickend voran. Süchtiger aber macht Ravels „Daphnis et Chloë“-Suite Nr. 2 zum Schluss des Abends. Die Staatskapelle verzaubert nach allen Regeln der Kunst – und beweist einmal mehr, wie schnell andere Komponisten eines Konzerts gegenüber Ravels schier unbegreiflichen Orchestrationskünsten verblassen können.