Ausstellung in Berlin

Illustrator Tomi Ungerer zeigt in Berlin seinen Nasensalat

Kinderbuchautor und Illustrator Tomi Ungerer zeigt seine skurrilen Werke in der Galerie Michael Fuchs in der jüdischen Mädchenschule.

„Hallöchen“, Tomi Ungerer ist immer zu einem Scherz aufgelegt. Hier steht er inmitten seiner Ausstellung  mit Collagen in der Jüdischen Mädchenschule

„Hallöchen“, Tomi Ungerer ist immer zu einem Scherz aufgelegt. Hier steht er inmitten seiner Ausstellung mit Collagen in der Jüdischen Mädchenschule

Foto: Reto Klar

„Wollen Sie einen Nasensalat?“ Tomi Ungerer schiebt seinem Gast unversehens einen weißen Teller direkt vors Gesicht. Wenn wir richtig zählen, sind sieben Nasen samt Nasenhöckern darauf und ein Häufchen Spaghetti. Man nennt das eine Collage, – die Nasen aus Papier sind aufgeklebt, die Pasta ebenso. Dieses absurde Menü ist tatsächlich zu erwerben – in der Galerie Michael Fuchs in der Jüdischen Mädchenschule zeigt Ungerer eine kleine Auswahl seiner skurrilen Objekte, heftig sexelnde Zeichnungen, vor allem aber seine Collagen, an denen er seit Jahren verstärkt arbeitet.

Wer mit dem Buch- und Kinderbuchautor, Zeichner, Illustrator und Weltenbürger spricht, muss aufpassen: Humoroffensive auf allen Kanälen, zu bremsen ist er kaum mit seinen 85 Jahren. Munter führt er von einem Thema zum anderen, von den Nazis über „bumsende Schweine“ auf der eigenen Farm bis hin zu Alice Schwarzer („Ich war immer ein Feminist“).

Gerade ist er ein wenig müde, kein Wunder, um sechs Uhr ist er aufgestanden, er schreibt regelmäßig für ein Philosophie-Magazin, den Abgabeschluss hat er total vergessen. „Bibabo“, sagt er, „ich muss mich konzentrieren“, dreht sich eine unglaublich dünne Zigarette, nimmt die Vase des Galeristen als Aschenbecher. „Ist gut für die Blumen.“ Durch seine Krankheit ist er etwas gebeutelt, deshalb der schwarze Gehstock. Am Griff hat er eine Fahrradklingel befestigt – falls ihm die Menschen mal zu nah rücken.

Seine Tochter Aria managt alleseine Ausstellungen

Seit er international große Ausstellungen macht, managt ihn seine Tochter. Sie ist auch in Kontakt mit seinem Museum in Straßburg. 15.000 Zeichnungen hat er der Stadt geschenkt, dafür bekam er das Kunsthaus. Er muss dranbleiben an seinen Ideen, sie kreiseln im Kopf, unentwegt, müssen raus, unbedingt. „Ich notiere alles“, er zieht ein Heftchen aus seiner schwarzen Daunenjacke, wie sie momentan modern sind. „Immer, immer dabei, und immer, immer muss ich alles aufschreiben, was die Menschen sagen und was ich spüre.“ „Jedes Wort“, meint er, „hat neues Leben.“

In diesem Sound spricht er, im elsässischen Straßburg geboren, wechselt er kurz ins Französische, als seine Tochter Aria hereinkommt sofort ins Englische. Sie ist in Irland geboren, wo die Familie irgendwo in einem abgeschiedenen Winkel im Süden lebt. Seine Bücher schreibt er in drei Sprachen, 140 sind es mittlerweile, insgesamt übersetzt in 44 Sprachen. „Besser nie als spät“, so heißt sein letzter Band mit Notizen und „neuen Gedanken“.

Mit seinem kreativen Schub sei das überhaupt wie mit dem Toilettengang, es muss raus, danach die Spülung, dann sei gut. Aber sehen wolle er den Haufen nicht mehr. Ein Arbeitstier, sehr diszipliniert, alles „Lebenstherapie“. „Bibabo“. Das sagt er häufig, wenn er das Thema wechselt.

Seine Ausstellungen laufen gut, ziemlich gut sogar. Vielleicht auch, weil sein subversiver, entlarvender Blick auf die Dinge wie ein Ventil wirkt in einer verwirrenden Welt. Immerhin 2000 Besucher kamen während des Gallery Weekends in seine Schau in der Jüdischen Mädchenschule. Vergangenes Jahr stellte er in New York aus, dann folgte das Kunsthaus Zürich, bis Mai ist er noch im Folkwang Museum Essen zu sehen, und ja, nun hat er eben auch eine Galerie in Berlin. Das war nicht so schwer, er ist ein Freund der Familie Fuchs.

Dass mit New York hat ihn besonders gefreut, schließlich waren seine Bücher dort über Jahrzehnte verboten. Sein Kampf gegen den Vietnamkrieg, US-Präsident Richard Nixon, gegen Vorurteile und Rassismus – das war den Amerikanern dann doch zu viel des Gesellschaftskritikers. Es brachte ihm den Vorwurf des Kommunisten ein, er kam auf die schwarze Liste.

In Berlin war das anders. 1961 stellte er hier erstmals aus. „Gerümpelmontage“ hieß die Schau – ausschließlich mit Objekten – im Haus am Lützowplatz. Willy Brandt als Bürgermeister von Berlin hatte die Schirmherrschaft übernommen. Einige Jahre später entwarf Ungerer die Plakate für den Wahlkampf der SPD.

Überhaupt, die Situation in Europa sei schwierig, findet er, es werde überhaupt immer schwieriger Meinungen zu haben, so unübersichtlich sei die Lage oft. Ein Künstler sei nutzlos, wenn er sich nicht gesellschaftlich engagiere. Er hat das immer getan. Gewalt und Unrecht sind seine großen Themen. Die Ursache für die Krise in Europa sei nicht klar auszumachen. Er denkt oft darüber nach, ob nicht vieles nach der Wende 1989 gerade in den osteuropäischen Ländern zu schnell gegangen sei. „Aber“, meint er, „es gibt keine Gesellschaft ohne Probleme.“ Bibabo.

Die Aufregung um Jan Böhmermann versteht er nicht

Er kramt nach dem Feuerzeug – die nächste Nikotinzufuhr. Wahrscheinlich ist unser Blick besorgt, schließlich hatte er drei Herzinfarkte, Krebs und ein Auge ist auch weg. Aber so muss man ihm nicht kommen. Tomi Ungerer jedenfalls lacht mit dem Unterton gespielter Empörung. „Hören Sie mal, mit 85 Jahren darf ich das! Da sind die meisten längst im Altersheim.“

Damals als er die Krebsdiagnose erhielt, reagierte gleich der Satiriker in ihm: „Tumor mit Humor.“ Na ja, trotz seiner Krankheit hat er immer weiter geraucht. „Wenn man aufhört, ist das doch wie eine Kapitulation“, da hat er seine Meinung. Vermutlich sehen das seine Ärzte etwas anders. Aber was soll es, sein eigenes Lebensmotto gilt: „Don’t hope, cope.“ Man muss die Dinge akzeptieren wie sie sind, so locker wie möglich damit umgehen, ungefähr so. Bibabo.

Die Aufregung um Jan Böhmermann und Erdogan versteht er nicht. Das ist für ihn keine Satire, absolut nicht, wenig intelligent, dass könne jeder, jemanden „mit Schwanz und so“ beschimpfen. Einfach vulgär und billig. „Haben wir nicht genug Hass auf dieser Welt?“ Als Satiriker müsse man immer sehr bewusst und vorsichtig die Grenzen ausloten. Er hat auch manchmal übertrieben. „Aber wissen Sie, meine Frau ist für mich eine gute Lehrerin und Beraterin.“ Damit ist das Thema für ihn erledigt. Bibabo.

Ungerers Tochter kommt herein, fragt, wie lange man noch brauche für das Gespräch. Ein Päuschen für den alten Herren wäre gut. Also gut, letzte Frage. Gibt es ein neues Projekt? „Wenn ich morgen krepiere“, sagt er, „kann meine Tochter noch 30 Bücher herausbringen, mindestens. Zu Hause im Büro stapelt sich ein 1,5 Meter hoher Berg von Manuskripten. Allein zwei Bände könnte ich nur über Irland schreiben.“ Ach ja, ein Theaterstück hätte er auch noch, „Die große Wurstpartei“ heißt es... Nun muss er wirklich gehen. „Müde bin ich, geh’ zur Ruhe“, sagt er und umarmt seinen Gast sehr herzlich zum Abschied.

Galerie Michael Fuchs, Auguststr. 11-13. Di-Fr 10-18 Uhr. Sa 11-18 Uhr. Bis 25. Juni