Kultur

Rückkehr der wilden Lockenmähnen

Ein Konzert als Konditionsübung: Wolfmother in der Columbiahalle mit bewundernswertem Körpereinsatz

Die 70er-Jahre sind zurück. Ein paar Instrumente scheinen zu reichen, um die Zeiten heraufzubeschwören. So läuft das jedenfalls, wenn Wolfmother in der Columbiahalle spielt. Deren Sound hört sich nämlich nach frühen Rolling Stones und Led Zeppelin an: kreischende E-Gitarren, viel Schlagzeug, dröhnender Bass. Und so einfache Rhythmen, dass man bei jedem Stück gleich aufstampft und die Teufelsgabel gen Bühne reckt. Die drei Australier sehen sogar eher nach 1968 als nach 2016 aus. Vor allem wenn Andrew Stockdale hinter dem Mikro mit seiner wilden Lockenmähne wippt. Da geht er glatt als jüngerer Zwilling von Led Zeppelins Robert Plant durch. Seine braune Lederweste, Batikshirt und Röhrenjeans machen den 68er-Look perfekt.

Oft spielen die drei selbstvergessen minutenlange Soli und Instrumentalphasen, vor allem Alex Carapetis am Schlagzeug gibt solchen Körpereinsatz, dass man um seinen Nacken bangen muss. Nach der Show wartet wohl eher ein Schleudertrauma als Groupies. Er wirbelt die Sticks durch die Luft und drischt auf die Trommeln ein, dass nasse Haarsträhnen um seinen Kopf fliegen und seine nackte Brust unter der Weste vor Schweiß glänzt – nach den ersten vier Songs. Denn Wolfmother startet mit den Evergreens des Debüt- und Durchbruchsalbums von vor elf Jahren, und die haben es ja in sich. Da ist „New Moon Rising“, wo Stockdale mit der E-Gitarre um die Wette kreischt. Oder die Rock-Ode an die Frauen, „Woman“, wo Bassist Ian Peres den stärksten Bewegungsdrang beweist. Er spielt mit der rechten Hand auf seinem Bass, mit der linken Hand den Synthesizer und haut mit dem rechten Fuß auf die Tasten, gleichzeitig.

„Blow them off the stage. She will be victorious and won’t get the battle loss“, singt Stockdale mit unverwechselbar quietschiger Stimme. Die Botschaft ist Kampfansage. Denn bei kaum einer Rockband änderte sich in den vergangenen Jahren so viel an der Besetzung wie bei Wolfmother. Grund war immer wieder Streit. Dabei gewann Wolfmother einen Grammy, ging mit AC/DC auf Tour, wuppte drei Alben. Von den Gründern ist über die Jahre nur Sänger Stockdale geblieben. Der sagte in einem Interview mal, er wolle die Menschen mit seiner Musik von der täglichen Schinderei ablenken. Ein Konzert solle das moderne Äquivalent des Lagerfeuers sein, wo Menschen gemeinsam ihrem Alltag entkommen.

Seit dieser Tour gibt es die Band in der Formation. Das scheint gut zu funktionieren, die Zuschauer tanzen ekstatisch Disco-Pogo, immer wieder wird jemand auf Händen vor der Bühne herumjongliert, genießt Peace-Zeichen zeigend die fünf Sekunden Stagediving, ehe die Security-Männer den Höhenflug beenden. So wie bei „Vagabond“, der gefeierten Zugabe. „I tell you everything about living free“, singt Stockdale da, und wie er mit seiner Gitarre tanzt, kauft man ihm das ab.