Kultur

Mitteilungen an die Welt

Mal geschwätzig, mal poetisch: Bei Nicholson Baker kommt ein Dichter ins Reden

In seiner etwas schrulligen Individualität könnte Paul Chowder, Hauptfigur in Nicholson Bakers neuem Roman „Das Regenmobil“, gut und gerne Berliner sein. „Fünfundfuckingfünfzig“ ist er, ein mäßig erfolgreicher Dichter, „und wenn man nicht Yeats heißt“, ist man in dem Alter eigentlich schon „weg vom Fenster“. Drei Lyrikbände und eine Anthologie hat er produziert, und jetzt muss langsam etwas Neues her, aber so einfach ist das eben nicht. Soll er ein Gedicht über den Drohnenkrieg oder über Guantanamo schreiben oder doch lieber seiner Ex-Freundin ein Lied mit dem eindeutigen Titel „Heirate mich“ komponieren? Wie wäre ein „Song über Ärzte“? Überhaupt denkt Chowder ganz grundsätzlich über Genrewechsel ganz allgemein nach – statt Gedichten will er lieber Songtexte schreiben und dabei Kautabak kauen. Oder doch lieber Pfeifen- oder Zigarrenraucher werden?

Nichts Alltägliches wäre zu klein und banal, nichts aus der Weltpolitik zu groß, um nicht in des Dichters persönliche Lebensanthologie aufgenommen zu werden, die Baker da bereits zum zweiten Mal über ihn zusammengetragen hat. Paul Chowder könnte dabei natürlich auch ein bisschen Nicholson Baker sein, denn der Autor hat sich schon im ersten Band der Chowder-Chroniken, „Der Anthologist“, ausdrücklich mit dessen Gedanken identifiziert, oder vielmehr, wenn Baker seine Gedanken wandern lässt, hat er das Chowder ins Buch geschrieben. War der erste Band noch eine Liebeserklärung an die Dichtung, geht es nunmehr um die Musik. Fagott hat er gespielt, jetzt übt er an der Guitarre, Debussy vergöttert er, aber auch die Beatles werden zitiert, und sein neuer großer Wurf soll ohnehin etwas mit Dancebeats werden.

Der Irakkrieg oder der Krieg in Afghanistan oder die Drohnen lenken Chowder immer ein wenig ab, denn er ist, wie Nicholson Baker, überzeugter Pazifist, der dennoch nicht glaubt, dass er mit seinen Gedichten die Welt verändern kann. Trotzdem ballert er wohl ebenso freiwillig wie unfreiwillig komisch Texte über Obama oder die CIA heraus, erkennt manchmal wenigstens selbst, wenn es etwas zu platt wird, und dass es die Möglichkeit geben könnte, dass seine Idee, etwas über den „Wahn“ der Unternehmensbosse zu schreiben, vielleicht doch nicht ganz so originell sein könnte, wie er denkt. Dann doch lieber wieder das Lied „Warum bist du fett?“ schreiben, worauf er kommt, als er an den Oberarmgeräten bei „Planet Fitness“ steht.

„Guan-tan-a-mo-hoh“ schmettert Paul Chowder an einer Stelle, doch auch wenn die politischen Ansichten Bakers nach seinem äußerst umstrittenen Sachbuch „Menschenrauch“ über den Zweiten Weltkrieg offensichtlich gefestigt bleiben, rückt zumindest bei seinem literarischen Geschöpf das Private in den Vordergrund. Paul will die Radiomoderatorin Roz, die ihm zum Geburtstag Eiersandwiches macht und inzwischen mit einem politischen Aktivisten befreundet ist, zurückgewinnen. Der größte Fehler seines Lebens war es demnach, kein Kind gezeugt zu haben, das sie so sehr wollte, doch jetzt ist es zu spät, wegen des Alters und weil Roz anämisch ist und ihre Gebärmutter entfernen lassen muss.

„Sich anvertrauen können“, das ist es, was er bei einer Frau sucht, und genauso so rührend ist sein Begriff der „Liebfreundlichkeit“, die er bei Roz, nicht aber bei irgendwelchen anderen Frauen findet, die er über Partnerbörsen im Internet trifft. Die ganze Dichterei und Songschreiberei haben natürlich etwas mit dem notwendigen Gelderwerb, vor allem aber mit etwas anderem zu tun: Gehört werden möchte er, deswegen bemüht er sich nach Kräften, „der Welt mitzuteilen, dass es ihn gibt“. Auch Nicholson Baker meldet sich in diesem Sinne zurück und präsentiert seinen Lesern statt einer wirklich tragenden Handlung ein buntes Sammelsurium von allem, was seiner Meinung mal wieder gesagt werden sollte. Da könnte man ein gehöriges Maß an einlullender Geschwätzigkeit diagnostizieren, doch dafür sind Bakers Figuren wieder ein bisschen zu freundlich und zu anrührend.