Kultur

Joël Dicker weiß die Puzzleteile einer Tragödie zu ordnen

Das Café „Elephant House“ in Edinburgh gehört zu den Kultstätten der Unterhaltungsliteratur. Joanne K. Rowling hat dort an ihren Zauberlehrlingsromanen geschrieben. Mit der Popularität des „Birthplace of Potter“ kann es die Trattoria „Saveurs d’Italie“ in Genf bisher nicht aufnehmen. Doch wenn Joël Dicker weiter so erfolgreich Romane schreibt wie seit 2012, dann könnte sich auch der kleine Italiener unweit der Université de Genève, der südländische Delikatessen und mittags Pasta anbietet, zu einer Pilgerstätte für Literaturfans entwickeln. Immerhin hat der Shootingstar der Schweizer Literatur oft am langen Holztisch des „Saveurs d’Italie“ an seinen Manuskripten gearbeitet. Und weil er heute noch zu den Stammgästen zählt, geben Leser ihre Dicker-Exemplare einfach bei der Wirtin ab, um sie irgendwann mit der Signatur des Autors abzuholen.

Der Stern des 30-Jährigen war 2012 mit der Veröffentlichung seines Romans „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ aufgegangen. Der 700-Seiten-Krimi entpuppte sich als Buchmarktsensation. In Frankreich verdrängte Dicker sogar den Sadomaso-Schmöker „Fifty Shades of Grey“ vom Spitzenplatz der Bestsellerliste. Zusammen mit seinem kleinen Pariser Verlag Édition de Fallois konnte er einen Welterfolg verbuchen: Insgesamt drei Millionen Exemplare in 40 Sprachen, mehrere angesehene Literaturpreise, 36 Wochen lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Nun also Dickers neuer Roman: Auch „Die Geschichte der Baltimores“ spielt an der amerikanischen Ostküste. Wieder lässt Dicker als Icherzähler den überaus erfolgreichen Romancier Marcus Goldman auftreten. Ein Typ, der durchaus an Philip Roth oder John Updike denken lässt. Anders als bei „Harry Quebert“ steht Goldman diesmal nicht im Mittelpunkt eines Kriminalfalls, sondern eines Familiendramas. Einer Tragödie, ja einer Katastrophe. Die setzt Dicker ohne herausragende sprachliche Finessen, dafür aber erzählerisch und dramaturgisch sehr geschickt und mit hohem Unterhaltungswert in Szene.

Eine vielschichtige Familiensage hat er geschrieben

Marcus gehört zum Dreigestirn der heranwachsenden Goldman-Cousins, die zwei verschiedenen Zweigen des Clans angehören – Marcus ist der Spross der armen Goldmans aus Montclair in New Jersey. Hillel und Woody sind bei den reichen Goldmans in Baltimore daheim. Jenen „Baltimores“ mit den goldenen Löffeln im Mund, von deren Weg in Verderben und Armut Dicker aus der Perspektive des Montclair-Goldman-Marcus mit so viel dramaturgischer Spannung erzählt, dass diese vielschichtige Familiensage oft wie ein Thriller wirkt.

Natürlich darf eine hinreißend schöne und kluge Frau nicht fehlen. Alle drei Cousins sind in das Nachbarsmädchen Alexandra verliebt, das später von Nashville aus eine Traumkarriere als Sängerin und Komponistin startet und ebenso berühmt wird wie Marcus Goldman. Darunter geht es wohl auch kaum, wenn man schon mit großem Selbstbewusstsein sein Alter Ego als gefeierten Literaturstar inszeniert.

Ans Finale furioso führt uns Dicker in etlichen Vor- und Rückblenden immer näher heran. Bis sich schließlich alle Puzzleteile grandios zur Tragödie fügen und zwei eigentlich herzensgute Menschen, denen die Sympathie und Anteilnahme des Lesers bis zur letzten Sekunde gewiss sind, als Verbrecher wider Willen untergehen. Ohne gelegentliche Griffe in den Schmalztopf kommt Dicker dabei nicht aus. Eine Prise Rührseligkeit hilft halt dabei, selbst einen Wälzer von 500 Seiten zum „Pageturner“ zu machen.

Es geht um Triumphe und Niederlagen, Großherzigkeit und Niedertracht, Treue und Verrat, Freundschaft und Hass in einer berechnenden, eitlen Gesellschaft, vor der nicht einmal die Familie Schutz bietet. Dicker hat das alles fein komponiert und so flüssig erzählt, dass kein Leser ahnen würde, was der studierte Jurist neulich der „Neuen Zürcher Zeitung“ verriet: In der Schule sei ihm das Aufsatzschreiben ein Gräuel gewesen. „Ich verstand nur Bahnhof, wenn der Lehrer sagte, wir müssten den Text in Einführung, Hauptteil und Schluss gliedern.“