Kultur

Eine mutige und explosive Mischung im Konzerthaus

Das Ensemble Imogen gibt sein Gründungskonzert

Wir haben uns im Berliner Klassikbusiness an vieles gewöhnt: Konzerte beginnen um 20 Uhr, sind meistens zwei Stunden später vorbei, und dazwischen sieht und hört man im Durchschnitt sehr viele Streich- und etwas weniger Blasinstrumente Sinfonien oder ähnliche Werke eines vergangenen Zeitalters spielen. Man könnte auch die Rituale eines Konzertabends aufzählen – Klatschen, Verbeugen, den Blumenfrauen Küsschen geben – und würde vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass sich klassische Musik viel eher über ihre rituelle Darbietung als über das eigentlich Erklingende definiert.

Das Ensemble Imogen, das nun sein Gründungskonzert im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses hatte und das Publikum wie in einer Zirkusmanege um sich herumsetzte, will vieles erklärtermaßen anders machen. Imogen ist eine Ausgründung aus dem International Mahler Orchestra (IMO). Dirigent Yoel Gamzou und sein Orchester zeigen eine Alternative zum Abspulen eines im Programmheft verzeichneten Konzertablaufs. Die Stückabfolge wurde erst nach Abschluss in der Pause ausgeteilt. Dort las man, dass hier, aufgestellt von dem Bratscher des Ensembles, Ian Anderson, ohne Unterbrechung Richard Strauss neben Björk, Henryk Górecki neben Edvard Grieg und David Bowie neben Béla Bartók gestanden hatte. Eine mutige, explosive Mischung war hier, was schnell zu Easy-Listening-Soße verkommen kann: Doch das Bewusstsein für die historischen und ästhetischen Differenzen der einzelnen Stücke fiel nicht, wie bei manchem Klassik-Hörfunk, weg – dafür waren die Gegensätze einfach zu scharf und gut ausgedacht. Tatsächlich gelang der ständige fliegende Wechsel zwischen Streichquartett-Formationen und permanent die internen Positionen tauschendem Gesamt-Streichorchester so punktgenau, dass man Verwandtschaft und Gegensätze genießen konnte – in der Sicherheit, dass es sich um eine engagierte, jedes Stück von Neuem mit dem nötigen Ernst angehende Darbietung handelte. Diese Wachheit war der interpretatorische Humus, auf welchem nach der (ersten) Pause die geniale Sonate für Streicher (1971) von William Walton erklang – ein Stück, welches die Luft des Saals trotz klarer Klassizität zum Vibrieren brachte. Es sollte ein dritter Teil mit dem Violinsolisten Gilles Apap folgen, der die Konzertdauer auf dreieinhalb Stunden anschwellen ließ – von der vorhersehbaren Form zu einem energetischen Feld mit offenen zeitlichen Grenzen.