Kultur

„Bei uns wird nicht gehustet“

Dirigent Ingo Metzmacher über neue Konzertformate und Modewellen in der klassischen Musik

Mit einem ungewöhnlichen Konzertformat war Ingo Metzmacher vor fast zehn Jahren in der Philharmonie angetreten. Die Mischung aus E- und U-Musik und das Diskutieren darüber machen den Reiz aus. Am Freitag findet das bereits 27. Casual Concert beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) statt. Erst erklärt und dirigiert Metzmacher die Alpensymphonie von Richard Strauss, anschließend treten die Jazzfunk-Band Mo’ Blow und DJ Johann Fanger im Foyer auf.

Berliner Morgenpost: Herr Metzmacher, 2007 haben Sie das Konzertformat eingeführt, heute findet Ihr zwölftes Casual Concert statt. Musikalisch sind es nach wie vor Gegenwelten geblieben?

Ingo Metzmacher: Ja, aber wir haben die Erfahrungen gemacht, dass es keinen Sinn macht, immer in derselben Welt zu bleiben. Man braucht auch die anderen Erfahrungen, die Gegensätze.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Klassik und Unterhaltung zu verbinden?

Das hat mich schon immer interessiert, denn intelligente Unterhaltung ist mit das Schwierigste überhaupt. Aber mir geht es bei den Casual Concerts darum, ein anderes Publikum in die Philharmonie zu locken.

2007 – das war eine Zeit, als viele behaupteten, die Klassik steckt in einer Krise. Tut sie das?

Meiner Einschätzung nach nicht. Aber die Herausforderung, sich ein Publikum zu erhalten, die besteht immer. Richtig ist, dass das Publikum heute viel mehr Alternativen hat, abends etwas zu unternehmen, als etwa vor 30 Jahren. Wir müssen beweisen, dass klassische Musik etwas Wichtiges im Leben des Menschen ist.

Es gibt Matineen, Nachtkonzerte, Kammermusik zum Espresso, Konzerte, bei denen das Publikum im Orchester sitzt.

Wir bleiben das Original!

Macht das alles wirklich Sinn?

Aber natürlich. Alternative Formen sind wichtig. Sie erreichen damit ein Publikum, das sich für Konzerte mit festgezurrten Ritualen nicht interessiert. Ich nehme mal ein Detail, das alle Dirigenten interessiert. Im Casual Concert wird nicht gehustet, aus dem einfachen Grund, weil das Publikum nicht weiß, dass im Konzert gehustet wird. Es gehört offenbar zum gewachsenen Ritual, dass in den Satzpausen 500 Zuhörer gleichzeitig husten müssen. Es gibt keinen anderen Ort auf der Welt, wo Menschen gemeinsam husten. Wenn ich eine Erkältung habe, dann bleibe ich zu Hause.

Die Klassik ist schon immer Moden unterworfen gewesen. Die 90er-Jahre waren das Jahrzehnt der Öffnung. Es gab auf einmal Alte Musik, mutig umherreisende Jugendorchester und globale Entdeckungen. Seit der Jahrtausendwende reden alle von Education, um ein junges Publikum heranzuziehen. Was kommt als Nächstes?

Das ist schwer zu sagen. Für mich ist es am wichtigsten, dass das vielfältige klassische Repertoire erhalten bleibt und vor allem nichts unter Wert verkauft wird. Ich möchte nicht, dass die klassische Musik eine Konsumware wird, die sich einfach so weltweit vermarkten lässt. Als Ausführende wollen wir zuerst, dass die Botschaft der Musik in aller Ernsthaftigkeit erhalten bleibt.

Sie gelten als Spezialist für Musik des 20. Jahrhunderts. Das Jahrhundert ist inzwischen abgeschlossen.

Das stimmt, es ist bereits ein historischer Zeitraum.

Wer sind die drei, vier Genies des 20. Jahrhunderts?

Es sind mehr als drei oder vier. Es ist das reichste, schillerndste und aufregendste Jahrhundert, das die Musikgeschichte zu bieten hat. Die Musik hat sich in alle Richtungen entwickelt, man darf nicht vergessen, dass der Jazz und der Rock das Jahrhundert mitgeprägt haben. Es gab Explosionen in der Musik. In der Klassik suchte man nach zwei grauenhaften Kriegen nach einer neuen Musiksprache.

Und wer sind die großen Komponisten?

Schönberg gehört mit Sicherheit dazu, mir gefallen grundsätzlich alle Pioniere. Mahler, Ives, Janáček, auch Debussy, in der Nachkriegsgeneration die großen drei: Boulez, Stockhausen und Nono. Kurtág lebt noch. Die Musik des 20. Jahrhunderts ist wie ein großer bunter Strauß.

Was folgt im 21. Jahrhundert?

Das weiß ich nicht, aber ich denke, dass sich das Komponieren verändern wird. Das hat mit der digitalen Technik zu tun. Vergleichen wir es einmal mit der Fotografie. Früher musste man erst nach Hause gehen und den Film entwickeln, bevor man das Ergebnis anschauen konnte. Heute sieht man es sofort. Das gibt es im Bereich der Musik auch schon. Es gibt am Computer Programme, um schnell simulieren zu können, wie etwas klingt. Heute wird zunehmend mit dem Ohr entschieden, früher war das Komponieren viel mehr ein spekulativer Vorgang. Musik wird künftig wohl mehr gehört als gedacht.

Dann werden weniger Spezialisten am Pult gebraucht?

Na, wer weiß, was in 50 oder 100 Jahren verlangt wird? Ich sehe auch meinen Beruf gefährdet. Wenn wir an die Geschichte des Dirigenten denken, so lange gibt es den ja noch gar nicht. Aber ich bin im Moment sehr zufrieden, weil ich in dieser Saison viel Oper mache.

Von 2007 bis 2010 waren Sie Chefdirigent beim DSO. Dann haben Sie wegen drohender Sparmaßnahmen das Amt mit einem großen kulturpolitischen Knall hingeworfen. Was denken Sie rückblickend, würden Sie es heute wieder so tun?

Einiges hätte ich wohl diplomatischer machen sollen. Im Detail will ich aber nicht mehr darüber reden. Leid um die Zusammenarbeit mit dem Orchester tut es mir allerdings schon. Wir hatten noch viel vor. Als Gast komme ich weiterhin sehr gerne einmal im Jahr zum DSO zurück.

Philharmonie Casual Concert am 6. 5. um 20:30 Uhr