Kultur

Bunte Mischung

Am Freitag beginnt das 53. Theatertreffen in Berlin. Es wird eine Leistungsschau der großen Bühnen

45 Sekunden tobt wie von der Tarantel gestochen eine entnervte Hausfrau durch Küche und Klo; 45 Sekunden Raserei, Slapstick, Grimassieren; 45 Sekunden, in denen die tolle Schauspielerin Kate Strong schlaglichtartig das Porträt einer total überforderten Familienmutti auf den Punkt bringt. Und in diesen 45 furiosen Sekunden kippt virtuos alles ineinander: Performancekunst und Schauspielartistik, Abstraktion und Sinnlichkeit, Komik und Tragik. Es ist ein 45-Sekunden-Trailer, mit dem das 53. Theatertreffen, das vom 6. bis 22. Mai stattfindet, für sich Werbung macht im Kino. Man hat ihn bei der Pressekonferenz am Dienstag im Festspielhaus schon mal gezeigt. Es ist ein Ausschnitt aus Ersan Mondtags Inszenierung eines wortlosen, grotesk-höllischen Kleinbürgeralltags-Albtraums im Staatstheater Kassel. Sein lapidarer Titel: „Tyrannis“.

Dabei hat das fast schon ausverkaufte Theatertreffen (TT) Werbung überhaupt nicht nötig; aber man verweist auf die Abendkasse, es soll sich lohnen. Und der Sender 3sat zeigt drei der zehn nach Berlin eingeladenen Produktionen im Fernsehen sowie öffentlich und bei freiem Eintritt open air auf einer Großbildwand im Sony Center.

Eine siebenköpfige Jury hat 394 Stücke besichtigt

Verantwortlich für die Auswahl dieser gehörig für Ruhm sorgenden Einladungen war eine siebenköpfige Jury, die ein Jahr lang die deutschsprachige Szene inspizierte und aus 394 Besichtigungen die nach ihrer Meinung zehn „bemerkenswertesten“ herausfischte. Man mag meckern, dass manch Bemerkenswertes unter den Tisch fiel (als Berliner vermisst man die Schaubühne). Insgesamt jedoch zeigt sich ein ziemlich schlüssiges Bild, was unser Theater ausmacht: Vielfalt! Ein „Trend“ sei da nicht auszumachen, so die Jury.

Freilich, sie war heftig konfrontiert mit den „atemberaubenden politischen wie gesellschaftlichen Neujustierungen“ (Stichwort Zuwanderung), auf die alle Theater mit „bemerkenswertem sozialen Engagement“, aber oft auch nur „ästhetischer Schnappatmung“ reagierten. Ging es im vorigen Jahr zum TT 2015 noch um den Komplex „Flucht“, sei es jetzt der Perspektivwechsel hin zum Komplex „Integration“. Und doch wurden diesbezüglich nur zwei Inszenierungen eingeladen: Zum einen „Schiff der Träume. Ein europäisches Requiem“ nach dem Fellini-Film vom Schauspielhaus Hamburg, das die Kalamitäten zwischen gutbürgerlichem „Willkommen“ und ebensolcher „Besitzstandswahrung“ thematisiert; zum anderen „The Situation“, ein irritierender Diskurs in Berlins Gorki-Theater unter Geflüchteten ums vage Ankommen, um tapfere Selbstbehauptung und stark verunsicherte Identität.

Überhaupt spiele der Diskurs eine Hauptrolle zum TT, sagt dessen Chefin Yvonne Büdenhölzer. Und blättert ein Riesenrahmenprogramm auf, in dem darstellende und bildende Künstler dialogisieren. Schließlich vereinnahme das Gegenwartstheater zunehmend sämtliche Ausdrucksformen. Auch eine Art Integration, die das TT spiegelt. Dokutheater, Musiktheater, Installation, Romanadaption, Klassiker, doch auch die beiden Ibsen-Stücke („Borkman“ aus Wien/Basel und „Volksfeind“ Zürich) sind jeweils stark heutige „Überschreibungen“. Auf einen ästhetischen Nenner ist da nichts zu bringen. Vielfalt eben! Klassische Figurenpsychologie und abstrahierende Überformungen mischen sich, mischen die alten (wie die neuen) Sachen, so die Jury, heftig und dennoch intelligent und feinfühlig auf für faszinierend neuartige Einsichten. Und das diesmal vornehmlich durch weibliche Regisseure. Und sechs der zehn eingeladenen Regiemeister haben 2016 ihr TT-Debüt. Das Festival, die profunde, speziell die Regie fokussierende Leistungsschau, werde mithin, wie die jetzt für 2017 neu konstituierte Jury auch, femininer und jünger, so die Ansage.

Bleibt noch der Hinweis auf den traditionellen „Stückemarkt“, zu dem eine Handvoll Autoren und Autorenkollektive Stückideen entwickelt. Eine Jury wird über die beste entscheiden, die dann am Theater Dortmund inszeniert wird. Außerdem werden 38 Künstler aus 22 Ländern am global stark frequentierten „Internationalen Forum“ teilnehmen.

Den immerhin mit 10.000 Euro üppig dotierten 3sat-Preis für Innovation erhält diesmal Theatermacher Herbert Fritsch, der mit seiner dadaistisch-musikalischen Textperformance „der die mann“ mit Reimereien des Wiener Alt-Avantgardisten Konrad Bayer das TT beglückt; eine Produktion an der Volksbühne. Fritsch, danach befragt, was wohl nach dem „Theater der Regisseure“ komme, sagte flott mit Charme auf den Lippen: „Die Befreiung des Schauspielers.“ Klar, denn ohne den kein Theater. Der Best-of-Parcours TT ist letztlich und selbstredend auch ein vehement zu bestaunendes Schauspieler-Gipfeltreffen. Kate Strong aus Kassel gab in ihrem 45-Sekunden-Solo den Vorgeschmack.