Kultur

Boten einer neuen Zeit

Die Klassikszene in Berlin steht vor einem Umbruch. Jüngere Chefdirigenten suchen nach Aufmerksamkeit

An der Komischen Oper wird darüber gescherzt, dass jetzt an jedem dritten Abend jemand vordirigiert. Das sind quasi die Bewerbungsgespräche im Orchesterbetrieb. Das Opernhaus sucht nach einem neuen Generalmusikdirektor und gleich noch nach einem Ersten Kapellmeister. Es ist die letzte große Dirigenten-Baustelle in Berlin. Ansonsten sind gerade mehr als die Hälfte aller Chefposten neu besetzt worden. Der Berliner Klassikszene steht in den kommenden Jahren ein gewaltiger Umbruch bevor. Es zeichnen sich gute, spannende Konzertjahre ab.

Auf den ersten Blick wird man natürlich sofort den Generationswechsel bemerken. Es ist eine deutliche Verjüngung, summa summarum 86 Jahre, die sich gerade an den Pulten vollzieht. Kirill Petrenko, 44, löst Sir Simon Rattle, 61, bei den Berliner Philharmonikern ab. Beim Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) folgt Robin Ticciati, Jahrgang 1983, auf Tugan Sokhiev, Jahrgang 1977. Der 77-jährige Marek Janowski wird beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) vom 44-jährigen Vladimir Jurowski abgelöst. Und auch bei den beiden Berliner Profi-Chören spielt das Alter eine gewisse Rolle. Beim Rundfunkchor hat bereits Gijs Leenaars, Jahrgang 1978, die Geschicke von seinem Mentor Simon Halsey, 58, übernommen. Beim Rias-Kammerchor tritt Justin Doyle, 40, für Hans-Christoph Rademann, 50, an.

Die neue Generation stehtstärker unter Konkurrenzdruck

Doch was sagt schon das Alter über die Qualität eines Dirigenten aus? Ziemlich wenig. Denn am Pult sind magische Figuren gefordert, die Musiker wie Publikum mitnehmen können. Das ist etwas ganz Individuelles. Im aktuellen Generationswechsel steckt aber ein ganz anderer Impuls verborgen. Es hängt mit der Generation davor zusammen, in der es zu wenige große Dirigenten gab. Sie konnten mehr oder weniger machen was sie wollten, ein Platz schien ihnen sicher. Aber inzwischen ist die Rede von einer Dirigentenschwemme, die Neuen müssen sich im Konkurrenzkampf anders aufstellen.

Schaut man sich die designierten Chefdirigenten an, fällt sofort auf, dass sie allesamt nicht als Spezialisten gelten wollen, sondern eher als Allrounder. Als Dirigenten, die sich in den verschiedensten Stilen und Epochen bewegen können. Sowohl Kirill Petrenko als auch Vladimir Jurowski gelten obendrein als ausgewiesene Operndirigenten, beide haben ihre Karrieren an der Komischen Oper begonnen.

Zu der Vielseitigkeit gehört auch, dass nationale Zuordnungen in die Irre führen. Der designierte Robin Ticciati wird in der kommenden Saison des DSO in zwei Programmen Mahlers Vierte und Schumanns Dritte vorstellen, kombiniert mit britischer Gegenwartsmusik von Thomas Adès und Helen Grime. Er selbst ist ein in London geborener Nachfahre von Italienern. Die Oper steckt aber auch in seiner Seele. Im Juni 2005 war Ticciati der jüngste Dirigent, der in der Geschichte der Mailänder Scala am Pult stand. Normalerweise müssen sich junge Dirigenten erst ihren Platz bei einem Orchester, in einer Stadt erkämpfen. Zunächst haben sie deshalb weniger die Möglichkeit, ihre Solisten oder lebenden Lieblingskomponisten zu platzieren. Von Ticciati weiß man, dass er gerne mit Maria João Pires, Mitsuko Uchida, Leonidas Kavakos, Isabelle Faust und Lars Vogt arbeitet. Zu seinen Komponisten gehören neben Adès und Grime auch Magnus Lindberg, Jörg Widmann und Toshio Hosokawa.

Jurowski hält sich bei Komponisten noch bedeckt. Er will beim RSB zunächst „eine gesunde Mischung aus Klassik, Romantik, 20. Jahrhundert und zeitgenössischer Musik“ herstellen, wie er der Morgenpost sagt. Außerdem habe er „einen sehr breiten Freundeskreis von in Berlin wohlbekannten und weniger bekannten Solisten, mit denen ich sehr gern musiziere. Nach und nach werde ich sie mit RSB auftreten lassen“. Jurowski lebt bereits seit Jahren mit seiner Familie in Berlin und ist bestens mit dem hiesigen Musikbetrieb vertraut.

Es ist schon eine bunt gemischte Truppe, die Berlin künftig prägen wird. Von Geburt her zwei Russen, zwei Briten, ein Niederländer. Es ist kein gebürtiger deutscher Dirigent mehr dabei, aber Petrenko und Jurowski sind in der deutsch-österreichischen Musiktradition aufgewachsen. Den Biografien der designierten Chefdirigenten ist zu entnehmen, dass sich weiterhin viele Wege zwischen Berlin und London kreuzen werden. Simon Rattle ist als Mentor mit im Spiel.

Die Neuen gehören zur Generation von Dirigenten, die als umgänglich und offen gelten. Kirill Petrenko ist die einzige Ausnahme. Er verweigert sich geradezu der Öffentlichkeit. Aber möglicherweise ist der neue Philharmoniker-Chefdirigent der Bote einer neuen Zeit, in der die Pultherrscher wieder mysteriöser und elitärer werden.