Klassik-Kritik

Ein anrührender Walzer ohne Gefühlsballast

Jirí Belohlávek dirigiert das DSO in der Philharmonie

Es gibt sie noch, die Konzertabende, an denen alles auf angenehme Weise stimmig scheint. Janáček, Martinů und Dvořák sind die drei Komponisten, die das Deutsche Symphonie-Orchester in der Philharmonie vereint. Ein tschechischer Abend also, bei dem ein Umstand ganz besonders beglückt: Jiří Bělohlávek dirigiert. In seiner Heimat genießt der Chef der Tschechischen Philharmonie ein ähnlich hohes Ansehen wie einst Václav Neumann. Im Ausland schätzt man Bělohlávek vor allem als Spezialisten für das tschechische Repertoire. Man profitiert von seinem missionarischen Eifer, dieses Repertoire weltweit bekannt machen zu wollen.

Rein äußerlich zeigt sich der 70-jährige Bělohlávek an diesem Abend von Krankheit gezeichnet. Mit bleichem Antlitz führt er das DSO. Die Musik dagegen, die unter seinen zügigen Anweisungen entsteht, wirkt kraftvoll und spannungsreich. Routiniert nimmt das DSO den Beginn von Dvořáks Achter Sinfonie. Erst ab der Durchführung des Kopfsatzes weitet sich der Orchesterklang. Bělohlávek fordert eine Dramatik, die an Beethoven und Brahms orientiert scheint. Zu zaubern beginnt das Orchester dann im langsamen zweiten Satz. Die Streicher spielen, als wollten sie die gesamte Philharmonie umarmen. Weich schmiegen sich die Holzbläser ins Geschehen. Es sind Momente, in denen man als Zuhörer beinahe instinktiv das Kostbare der Partitur erfasst.

Viel diesseitiger klingt der berühmte Walzer des dritten Satzes, doch auch hier gibt es Überraschendes zu vermelden: Bělohlávek rückt die ersten Geigen muskulös in den Vordergrund, erzeugt transparente, beinahe kühle Mittelstimmen; die Bässe dagegen lässt er sympathisch tanzen und hüpfen. Das Resultat: ein Walzer, der von allem spätromantischen Gefühlsballast befreit ist und trotzdem anrührt.

Auch in der ersten Konzerthälfte gibt es allerhand Erfrischendes zu erleben. Zunächst eine Suite aus Janáčeks hierzulande unbekannter Oper „Die Ausflüge des Herrn Brouček“, einer Satire über einen Prager Spießbürger und seine erträumten Heldentaten. Gerade die zugeknöpfte Ernsthaftigkeit, mit der das DSO die Partitur durchdringt, ist vermutlich besonders hilfreich für diese Musik: das Parodistische wirkt dadurch noch hintergründiger, noch fieser.

Vergleichsweise naiv geht es in Martinůs Cellokonzert Nr. 1 zu, einem neoklassizistischen Werk, das sich an der barocken Gattung des Concerto grosso orientiert. Etwas gestresst wirkt der Solist Christian Poltéra in den hochvirtuosen Passagen der Außensätze. Vollkommen eins mit der Musik scheint er nur im langsamen Mittelsatz. Doch allein dieses Andante moderato lohnt bereits den Besuch des gesamten Konzertabends: Poltéras intensive, beinahe borstige Sinnlichkeit fasziniert hier vom ersten bis zum letzten Ton – getragen von den nicht minder faszinierenden Farbflächen des DSO.