Kultur

Wenn Buchcover mit modernen Gemälden spielen

Harland Millers großformatige Malerei bei Blain|Southern

Wenn man die große spektakuläre Halle der ehemaligen Tagesspiegel-Druckerei betritt, die Blain|Southern seit 2011 als Galerieraum nutzt, glaubt man sich im falschen Film, und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht: Überall an den Wänden hängen überdimensionierte Buchcover. Und deren Ästhetik ist wie eine Zeitreise in die 60er- und 70er-Jahre. Abstrakte Formen, Kreise, Rechtecke, Kuben, Rahmen in schrillen Farben wie Orange, Pink, Türkis, Neongrün und Violett erinnern an alte populärwissenschaftliche Psycho-Ratgeber aus der Zeit. Darüber sind großformatig Überschriften wie „Overcoming Optimism“ (den Optimismus überwinden) oder „Happiness. The Case Against“ (Glückseligkeit. Argumente dagegen) zu lesen. Ironisch spielen sie mit den damals gängigen Glücks- und Heilsversprechen, verdrehen sie gar in ihr Gegenteil.

Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die Buchcover als großformatige Gemälde. Geschaffen hat sie der 1964 in London geborene Künstler Harland Miller, der mit solchen gemalten Bucheinbänden international bekannt geworden ist. Legendär ist seine ikonische „The Penguin Books Series“. Etliche Gemälde daraus sind in der oberen Etage ausgestellt. Hier arbeitet Miller mit Verfremdung. Die Buchtitel sind oftmals ironische Einzeiler wie „Tonight We Make History (P.S. I Can’t Be There)“. Mitunter verändert Miller auch das für die Taschenbücher des britischen Penguin Verlages charakteristische Emblem des Seevogels: Mal zappelt er, mal tanzt er, mal rennt er davon. Das alles ist sehr spielerisch, amüsant und ironisch.

Angefangen hatte Harland Miller mit der malerischen Umsetzung von Buchumschlägen billiger Schundromane. Schon da waren die Titel seine eigenen. Mit seinem Verfahren arbeitete er gegen den Strich der englischen Kunsthochschulen, die propagierten, Text habe in Gemälden nicht zu suchen. Bei einem Aufenthalt in Berlin 1985 kam er mit deutscher Malerei in Berührung, in der Textelemente auftauchten, Malerei viele Spielformen durchbuchstabierten. Obwohl er damals die Texte nicht verstand, erkannte er doch ihr Gestaltungspotential. Bei den neueren Arbeiten in der großen Halle, schuf Harland Miller die Gemälde nach eigenen Entwürfen. Vorhandene Bücher dienten ihm hier – entgegen vorheriger Serien – lediglich als Inspiration.

Blain|Southern, Potsdamer Str. 77-87. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 30. Juli