Kultur

Versuch über die Miesepetrigkeit

In Endzeitstimmung: Claus Peymann inszeniert ein Stück von Peter Handke

Ein Küsschen für den Intendanten: Sichtlich erleichtert herzte Schauspielerin Meret Becker am Sonntag beim Schlussapplaus den Hausherrn Claus Peymann. Der zeigte im Berliner Ensemble seine Uraufführung von Peter Handkes neuem Stück „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“.

Meret Becker spielt darin die Sehnsuchtsgeliebte, die Herbeigewünschte, „die Unbekannte“ eben und bis Mitte letzter Woche war sogar ihr unbekannt, dass sie das tun würde. Erstmals zu sehen war die Inszenierung Ende Februar am Wiener Burgtheater, die Besetzung sollte in Berlin weitgehend beibehalten werden. Bis sich die Burgschauspielerin Regina Fritsch verletzte. Eine halbe Woche, um sich eine mittelgroße Rolle in einem dreistündigen Sprechstück ohne relevante Handlung anzueignen, ist keine Kleinigkeit. Hat aber bestens funktioniert. Dass sich das mit Meret Becker so wundersam fügte, es passt zu diesem Abend. Regisseur Peymann nämlich ist ganz entschieden in Theaterzauberlaune, obwohl der Dichter eher melancholische bis misanthropische Endzeitstimmung verbreitet.

Da steht dieses „Ich“, das wechselweise „Ich, der Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“ ist, zunächst verloren in der Welt, es monologisiert vor sich hin und erdenkt sich seine Welt bis sich krachend eine verrostete Bushaltestelle von unten durch den Boden schiebt. Als wollte der Regisseur dem Dichter zeigen: Was du in Gedanken kannst, das kann ich schon lange mit meinem Theaterapparat. Eine schwungvolle Straßenkurve zeichnet sich ab, Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann hat sie wirkungsvoll auf eine schlichte, nach vorne abfallende Spielfläche skizziert. Eine Windmaschine wirbelt großzügig Laub darüber, es gibt reichlich Geblitze und kleinere Explosionen, ein riesiges Repertoire unterschiedlicher Vogelstimmen zwitschert dazu vom Band und aus dem Schnürboden fällt am Bügel ein Mantel.

Das „Ich“ empfängt diese Welt zunächst noch mit offenen Armen in seinem Revier an der verlassenen Landstraße. Er, der auch für den Dichtereremiten steht, für Handke, den bisweilen Unverstandenen, braucht sie ja, die anderen, die hier „die Unschuldigen“ heißen. Um seine Gedanken zu teilen. Aber die wollen gar nicht, diese Ignoranten. Sie poltern mit ihren Handys in seine Traumpfade, zertrampeln mit ihren lächerlichen Demos sein Poetenidyll. Zwei Anführer haben sie, die eine ist bei Maria Happel eine Rampensau im knallroten Kleid mit hysterischem Koloraturlachen. Der andere, Martin Schwab, ein Häuptling, mit dem es eine gemeinsame Vergangenheit gibt.

Handkes Text ist vor allem eine wortgewaltige Selbstreflexion und obwohl der Handke-Experte Peymann, der hier seine insgesamt elfte Uraufführung des Dichters auf die Bühne brachte, ihn einkürzte, ist er doch immer noch deutlich zu ausufernd in all seinen kalauernden Befindlichkeiten. Eine angenehme Leichtigkeit bekommt der Abend vor allem durch den großartigen Christopher Nell in der Hauptrolle. Während man beim Lesen einen eher miesepetrigen Zivilisationsgenervten in fortgeschrittenem Alter vor Augen hatte, gewinnt er, der Mittdreißiger, dieser Figur enormen selbstironischen Witz ab, ist dabei weltverlorener Vagabund ebenso wie wütender Revierverteidiger. Doch auch er kann am Ende nichts daran ändern, dass alles Durchlüften des Textes nichts geholfen hat, es produziert dieser Abend kaum mehr als ein laues Lüftchen.

Wieder am 04.05. und am 05.05. um 19 Uhr, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel. 28 40 81 55