Kultur

Ein Mann für alle Fälle

Von Gründgens bis zur Sesamstraße: Mit 81 Jahren ist der Schauspieler Uwe Friedrichsen gestorben

Das Gesicht kannte jeder, auch der, der den Namen nicht unbedingt gleich parat hatte. Diese blauen Augen. Dieser leicht verschmitzte Blick. Das blonde Haar, das dann irgendwann grauer wurde. Und die markanten Bäckchen. Auch die Stimme war sehr vertraut. Aber jeder kannte vielleicht einen anderen Uwe Friedrichsen.

Meine Mutter dürfte mit ihm wohl seine vielen Auftritte in den Fernseh­serien der 70er-, 80er-Jahre verbinden. Mir selber hat er sich früh eingeprägt in einer Deutschstunde, in der Gustaf Gründgens legendäre „Faust“-Verfilmung von 1960 gezeigt wurde und in der er den „Schüler“ gab. Meine Nichten kennen ihn dagegen eher aus ihren Kindertagen, als sie „Sesamstraße“ guckten, und Friedrichsen sich dort mit der tuffigen Tiffy, Samson dem Bären und Lilo Pulver, noch so einer Schauspiel-Legende, eine späte, neue Fangemeinde schuf. Unsere Hamburger Freunde aber verbinden noch einmal ganz andere Erinnerungen mit ihm, und die haben allesamt mit der Bühne zu tun.

Das zeigt schon das ganze, breite Schaffen dieses Schauspielers, der sich, wie nur wenige, als Volksschauspieler bezeichnen konnte. Nun ist Friedrichsen, wie erst am Montag bekannt wurde, bereits am Sonnabend gestorben. Mit 81 Jahren ist er in seiner Heimatstadt Hamburg nach langer, schwerer Krankheit an einem Hirntumor gestorben.

Die Karriere war ihm nicht vorbestimmt. Friedrichsen, am 27. Mai 1934 im damals noch eigenständigen Altona geboren, träumte zwar früh davon, Schauspieler zu werden. Seine Eltern aber wollten, dass er „etwas Anständiges“ lernte. Sein Großvater hielt den Berufswunsch gar für „absolute Spinnerei“. Also machte Friedrichsen erst mal, hanseatisch gediegen, eine kaufmännische Lehre bei einer Porzellanfabrik. Zerschmiss dann aber im übertragenen Sinn das Porzellan, indem er in einer Laienspielgruppe der Volkshochschule spielte. Das Geld für privaten Schauspielunterricht verdiente er sich als Hafenarbeiter und Zeitungsjunge.

1953 gründete er dann mit Marcus Scholz sehr jung und ambitioniert das „theater 53“, eine Bühne für zeitgenössisches Theater. Dort entdeckte ihn Ida Ehre und holte ihn 1955 an die Hamburger Kammerspiele. Nur ein Jahr später sprach Friedrichsen am Deutschen Schauspielhaus vor. „Hier ist ein Verrückter“, meldeten Gustaf Gründgens’ Assistenten ihrem Intendanten, als der 22-Jährige mit Maske, Kostüm und Requisiten zum Vorsprechen kam. „Sofort engagieren“, soll der geantwortet haben. Erst Ehre, dann Gründgens: Mehr Renommee war eigentlich nicht möglich. Friedrichsen wurde ins Ensemble des Schauspielhauses aufgenommen und blieb ihm bis 1968 verbunden. Danach wirkte er als freier Schauspieler.

Da hatte längst seine zweite Karriere im Fernsehen begonnen, in Theaterverfilmungen, aber auch in Serien wie „John Klings Abenteuer“. In den 70er-Jahren folgten weitere wie „Stadt ohne Sheriff“, „Elefantenboy“. Keine Krimiserie, ob „Derrick“, „Tatort“ oder „Der Alte“, in der er nicht mal als Verdächtiger aufgetaucht wäre. Und dann startete 1982 „Schwarz Rot Gold“, eine lose Krimireihe, in der er über 14 Jahre 18 Filme drehen sollte. Nicht als Kommissar, sondern als bärbeißiger, eben ziemlich nordisch-spröder Zollfahnder Zaluskowski. Die Wirtschaftskrimis erzählten aus einer ungewöhnlichen Perspektive von der bundesdeutschen Gegenwart – und brachten diesem „Zallu“ hohe Popularität und beste Quoten ein.

Daneben war Friedrichsen auch ein gefragter Hörbuch- und Synchronsprecher. In der deutschen Hörspielausgabe der „Perry Rodan“-Reihe sprach er den Titelhelden, und er lieh Größen wie Jerry Lewis, Gerard Depardieu, Donald Sutherland, Richard Attenborough, Jon Voight und Danny Glover seine Stimme – sowie Peter Falk als Columbo, nachdem dessen ursprünglicher Synchronsprecher Klaus Schwarzkopf gestorben war. Aber seine große Liebe war und blieb das Theater, dem Friedrichsen bis ins hohe Alter verbunden blieb.

„Ich habe das Fach nie gelernt“, hat Friedrichsen einmal gesagt, „und ich bin heute der Meinung: Das, was den Schauspieler ausmacht, kann man nicht lernen – das hat man, oder man hat es nicht.“ Uwe Friedrichsen hatte es ganz offensichtlich.